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Wie ist die Definition von Definition? - Ausgabe 11.07.2018

Philosophie des Alltags

Von Helmut Stubbe da Luz

„Ich liebe meine Freiheit“ bringt der untreue Partner vor. „Freiheit?“ Die Betrogene fragt empört nach, welche Definition von Freiheit der Mann sich hier anmaße: Bedeute „Freiheit“ für ihn etwa Regel- und Rücksichtslosigkeit? Und die angebliche „Liebe“ zur „Freiheit“ sei doch wohl eher
eine egoistische Selbstliebe! - „Wir lieben Lebensmittel“, prangt auf den Schürzen der Mitarbeiter eines Supermarkts. Wenn wir in der Birnenkiste knapp unterhalb der Oberfläche in einen schimmeligen Brei fassen, liegt eine Erkundigung danach nahe, wie jene Liebe zu verstehen sei. Wenn wir hingegen eine verklebte Packung Spülmaschinenmittel erwischen, müssen wir anders ansetzen: Die landläufige Definition von „Lebensmitteln“ schließt Drogerieartikel aus.
Warum müssen wir überhaupt definieren, und wie ist die Definition von Definition? Zunächst verpassen wir den „Dingen“, das heißt all den Gegenständen unserer Beschreibung und Beurteilung, eine Bezeichnung, gewissermaßen ein Selbstklebe-Etikett, entfernbar, überklebbar. Ein bestimmtes Tier trägt dann das imaginäre Label „Schwein“, und bestimmte, nur umständlich zu beschreibende Gefühle stellen wir uns als mit der Kurzformel „Hoffnung“ oder „Scham“ beschriftet vor. Beim Definieren wird der Weg zurück beschritten: Wir präsentieren für „Scham“ Beispiele oder einen Merkmalskatalog. Gewiss wird eine Definition nicht immer verlangt. Wenn wir auf Sätze mit „Prämisse“ oder „Paradox“ stoßen, tun sich zwei Möglichkeiten auf: Wenn wir glauben, zustimmen zu können, dann werden wir meist bereit sein, auf Erläuterungen zu verzichten. Aber wenn wir zweifeln, dann wollen wir den Begriffen auf den Grund gehen: Warum haben einst Leute „Paradox“ gelabelt? Und wie ist dieses Wort hier und jetzt zu verstehen?
In Definitionssätzen wird ein Wortgebrauch entweder beschrieben oder vorgeschlagen. Wie „Diskriminierung“ oder „Toleranz“ in unserer Sprachgemeinschaft eingesetzt zu werden pflegen, ist in Wörterbüchern beschrieben. Aber ständig passiert Sprachwandel, und wir können uns daran beteiligen, indem wir einen Wortgebrauch vorschlagen, beispielsweise so: „Ich möchte unter ‚Toleranz‘ das schmerzhaft-widerwillige Gewährenlassen verstehen, das Menschen entgegengebracht wird, welche schwer erträgliche, aber im gesetzlichen Rahmen befindliche Verhaltensweisen an den Tag legen. Lasst uns diesen Wortgebrauch vereinbaren: Er ist sinnvoll und ein Einvernehmen darüber erleichtert die Kommunikation!“

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