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Jan Melzer erlebt Poppenbüttel gestern und heute - Ausgabe 08.06.2016

„Der Musiker und Zeitungs-Gastschreiber hat nach Monaten der Flüchtlingsunterbringungsdiskussion beschlossen, das Siedlungs-Experiment zu wagen


Poppenbüttel – Jan Melzer mag die Natur. Vor seiner Haustür erstrecken sich Rapsfelder, Wald und Moore. In Poppenbüttel aufgewachsen, genießt der Musiker seit jeher die Spaziergänge und Ausflüge in dieser Gegend.

„Besonders schön ist das Lemsahler Wittmoor, hier jogge ich bis heute“, erzählt er, „und hierher habe ich schon als Teenager mein Saxophon mitgenommen und es in die Bäume klingen lassen.“ Mit der Gruppe LALELU hat der Poppenbüttler als A-cappella-Comedy-Sänger eine wahre Fangemeinde aufgebaut – und feierte gerade das 20-jährige Jubiläum mit einer furiosen Tour.  

Plötzlich Kolumnist

Aber nicht nur in Sachen Musik ist Jan Melzer populär: Seine Gedanken, veröffentlicht in Tagebuchform, werden seit gut einem Jahr regelmäßig im „Hamburger Abendblatt“ abgedruckt, 82 emotionale Beiträge sind bereits erschienen. „Ich hatte vor einem Jahr einen Leserbrief an die Redaktion geschrieben und den Vorschlag gemacht, Journalisten recherchieren zu lassen, um die tatsächlichen Infos von den wuchernden Gerüchten rund um das Thema Siedlung für Flüchtlinge am Poppenbüttler Berg zu trennen“, erklärt Jan Melzer. Als Antwort erhielt er den Auftrag der ­Zeitung, doch selbst tätig zu werden.

Raus aus Poppenbüttel und zurück

Schon als Kind hat Jan Melzer mit seinen Eltern in Poppenbüttel gelebt. Am Ohlendiekskamp, um genau zu sein. „Anfangs mit Zaun und Kassenhäuschen mitten in der Eigenheim-Ausstellung ,Hamburg-Bau ’78‘ – ich weiß noch, wie wir beim Abendbrot am Esstisch versammelt saßen und die Expo-Besucher an ­unseren Fenstern vorbeifuhren, da erkannte man jeden einzelnden fotografierenden Japaner“, erinnert sich der heute 47-Jährige. Zur Schule gegangen ist Jan Melzer bis zu seinem Abitur 1989 am Gymnasium Oberalster. Danach war Erwachsensein angesagt und Lebensglück-Suche. Jan Melzer siedelte nach Barmbek um: Musikhochschulstudium, erste Engagements und tatsächlich ein solider Job als ­Saxophonist: Drei Jahre lang spielt Melzer fest in der Band des Musicals „Rocky Horror Picture Show“. In Barmbek, die eigene Familie frisch gegründet, stellt sich Sehnsucht ein – nach grüner Wohnqualität, dem einen Schritt nach ­draußen, nach guten Gegebenheiten für ein kindgerechtes Aufwachsen. Am Poppenbütteler Berg entdeckt Jan Melzer die Anlage „Drei Höfe“, erwirbt sie und erfüllt sich so einen Lebenstraum. „Dieses autofrei geplante Bauprojekt, die vielen Sandkisten und Höfe zum Spielen, das Sich-­anfreunden-und-begegnen-Können haben mich zum begeisterten Immobilienbesitzer werden lassen“, erzählt er. Zurück in Poppenbüttel, viel Platz für die mittlerweile vierköpfige Familie, viel Raum für Naherholung.

Ein Stadtteil verändert sein Gesicht

Aber das Rapsfeld vor seinem Haus droht zu verschwinden. Expressbauten für Flüchtlinge sind plötzlich angesagt, der Eiszeitgraben und das landwirtschaftlich verpachtete Feld haben sich als Grundstück in Stadtbesitz herausgestellt und werden plötzlich zum Baugebiet – und zum Politikum „Jetzt muss ich damit leben, dass mein Stadtteil endgültig seinen Dorfcharakter verliert und der Senatsplan für Poppenbüttel Urbanisierung heißt – sowie politisch bewusst angestrebte, soziale Durchmischung“, fasst Jan Melzer zusammen. „Ich habe für mich beschlossen, ich akzeptiere die aktuellen Zahlen, wage das 1350-Menschen-Experiment und wende mich der Zukunft zu.“  

Zukunft vor Ort mitgestalten

Bis zu fünfgeschossig werden die 308 Wohnungen für seine neuen Nachbarn. Auch zwei Kitas, vier Verwaltungsbüros und mehrere Ladenflächen wurden eingefügt. „In anderthalb bis zwei Jahren ist alles fertig, denn vier Generalunternehmer sollen laut Senat gleichzeitig bauen“, sagt Jan Melzer gut informiert, „mit der SPD und den Grünen haben wir von ,Poppenbüttel hilft‘ ausgehandelt, dass die Idee eines Gemeinschaftshauses Formen annimmt.“ Mit einem 120 Quadratmeter großen Saal, drei bis vier Extraräumen und unter Einbindung der Flüchtlinge soll es nebenan errichtet werden. „Ein Bauunternehmer wird für uns umsonst das Fundament gießen“, freut sich Melzer: Mit Karateunterricht möchte er dann einen Beitrag leisten, gerade hat er im SC Poppenbüttel seine Schwarzgurt-Urkunde erlangt. „Vor allem ist mir versöhnliche Zusammenarbeit im Stadtteil wichtig“, sagt Jan Melzer abschließend. Er findet die kri­tische Haltung der Bürger­initiative „Gemeinsam in Poppenbüttel“ (GiP) gut, deren vielfache Einwände seien legitim. „Nur durch Kritik kann das Beste herauskommen.“  (sas)



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