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Alstertaler Dennis Thering führt die Opposition an

„Wir wollen die Kümmerer sein“ - Ausgabe 01.04.2020

Alstertal/­Walddörfer – Seit 18. März ist er ­Vorsitzender der neuen, geschrumpften CDU-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft: Dennis Thering. Einstimmig und ohne Gegenkandidat wurde er zum Nachfolger von ­André Trepoll bestimmt.
Oliver Spatz
Thering lebt mit seiner Frau und der fünfjährigen Tochter in Hummelsbüttel. 2011 wurde er erstmals in das Landesparlament gewählt und fungierte zuletzt als ­verkehrspolitischer Sprecher seiner Fraktion, deren stellvertretender Vorsitzender er seit 2015 war. Bei der Bürgerschaftswahl am 23. Februar 2020 erreichte der 35-Jährige das hamburgweit fünftbeste Ergebnis nach Wahlkreis-Personenstimmen. In den vergangenen sechs Jahren arbeitete der ausgebildete Bankkaufmann und studierte Politologe bei Pflegen & Wohnen Hamburg – eine Tätigkeit, die nun ruht, denn Fraktionschef ist ein arbeitsreicher und gut bezahlter Vollzeitjob. Sofern SPD und Grüne sich auf die wahrscheinliche Fortsetzung ihrer Koalition einigen, kommt Thering eine besondere Rolle zu: die des Opposi­tionsführers im Rathaus. Grund genug für ein Interview.

Heimat-Echo Was wollen Sie als Fraktionschef für Ihre Partei erreichen?
Dennis Thering Ich will mich in einer schwierigen Situation nicht wegducken, habe Lust auf die neue Aufgabe und Herausforderung. Trotz des historisch schlechten CDU-Ergebnisses konnte ich mit meinem Team im Wahlkreis Alstertal-Walddörfer mein persönliches Ergebnis verbessern. Nah dran sein an den Menschen hat sich hier ausgezahlt, das wollen wir jetzt mit 15 hoch motivierten Abgeordneten auf ganz Hamburg erweitern – eine Herkules­aufgabe, da auf einen CDU-Abgeordneten sechs von Rot-Grün kommen. Die Menschen wussten zuletzt nicht mehr, welchen Mehrwert es hat, CDU zu wählen. Wir werden künftig klar sagen, wofür wir stehen, und hoffentlich das Vertrauen der Wähler zurückgewinnen. Nun aber steht erst mal die Bewältigung der Corona-Krise im Vordergrund. Wir stehen da eng an der Seite des Hamburger Senats. Es ist nicht die Zeit für parteipolitische Spielchen.

HE Haben Sie Ihren Schritt länger geplant, und war ein zentrales Motiv Ihre persönliche Bestätigung durch die Wähler?
Thering Ich mache für mein Leben gern Politik. Für mich war klar, der Schritt vom Vize zum Vorsitzenden würde irgendwann kommen. Mit so einem katastrophalen CDU-Ergebnis habe ich aber nicht gerechnet. Nun ist es Zeit, noch mehr Verantwortung zu übernehmen. Das hamburgweit beste CDU-Ergebnis hat mich bestärkt zu kandidieren. Ich habe viel Zuspruch aus der Partei bekommen und mich über meine einstimmige Wahl zum Vorsitzenden gefreut.

HE Wie vereinbaren Sie die zusätzliche Belastung mit Ihrer Familie?
Thering Meine Frau unterstützt mich zu 100 Prozent, das macht es deutlich ein­facher. Die wenige verbleibende Zeit nutzen wir als ­Familie sehr intensiv.

HE Für welche Ausrichtung von Fraktion und Partei stehen Sie? Wie wollen Sie Frauen stärken und generell die Breite der Gesellschaft stärker abbilden?
Thering Lagerdenken ist völlig überholt. Thering (weiter) Ob liberaler, konservativer oder anderer Ansatz: Die Menschen in den Stadtteilen wollen Antworten auf ihre Probleme. Es geht darum, noch direkter mit ihnen ins Gespräch zu kommen, Erwartungen wahrzunehmen, Antworten auf die Herausforderungen zu geben. Einige Schwerpunkte liegen auf der Hand: Verkehrspolitik – weg von der Staustadt, hin zu einem leistungsstarken HVV mit erschwinglichen Fahrpreisen –, aber auch Wirtschaft, Familien, Senioren. Wir wollen die Kümmerer sein. Die Leute sollen mit ihren Anliegen zuerst die CDU ansprechen. Und klar: Zu einem guten Team gehören Frauen und Männer. Einer meiner beiden Stellvertreter wird natürlich eine Frau sein.

HE Die CDU in Hamburg liegt weitgehend am Boden. Auch das vergleichsweise starke Ergebnis in Wandsbek und Alstertal/Walddörfern spiegelt nicht Ihren Anspruch. Wie wollen Sie Wähler für Ihre Inhalte begeistern, damit die Union aus dem 11,2-Prozent-Tal der Tränen wieder emporsteigt? Und welche realistische Machtoption sehen Sie?
Thering Vor 16 Jahren hatten wir noch die abso­lute Mehrheit, das Potenzial ist da …

HE … damals allerdings ganz wesentlich wegen Ole von Beust …
Thering … ja, trotzdem hat 2004 fast jeder Zweite CDU gewählt. Das jetzige gute SPD-Ergebnis kam ein ganzes Stück weit durch die persönliche Beliebtheit von Peter Tschentscher zustande. Unser Schlüssel zum Erfolg ist, eng dran zu sein, sich um Sorgen und Nöte zu kümmern, zusammen mit den Bezirksfraktionen und den Kolleginnen und Kollegen in den Regio­nalausschüssen. Kein Thema ist zu klein. Über dieses Kümmern werden wir wieder erstarken und in fünf Jahren zeigen, warum wir die bessere Alternative sein können. Aber in unserer schnelllebigen Zeit sind Prognosen schwer. Die Leute wissen zu schätzen, dass die CDU in Krisenzeiten das Land gut führt, wie sich jetzt gerade auf Bundesebene zeigt. Ich bin guten Mutes, dass wir 2025 ein besseres Ergebnis einfahren.

HE Wollen Sie CDU-Kreisvorsitzender in Wandsbek (seit 2018) und Vorsitzender der CDU Alstertal (seit 2010) bleiben?
Thering Ja, ich möchte beides weitermachen und werde jeweils erneut kandidieren.

HE Mit Ihnen, Thilo Kleibauer, Eckard H. Graage, Sandro Kappe und Ralf Niedmers stammen in der nunmehr 15-köpfigen Bürgerschaftsfraktion fünf CDU-Abgeordnete aus Wandsbek – ein Drittel. Sie sind zudem Kreischef. Besteht die Gefahr, dass auch inhaltlich ein Wandsbeker Übergewicht entsteht oder Ihnen vorgeworfen wird?
Thering Das glaube ich nicht. Wichtig ist, Kräfte zu bündeln, weniger, woher jemand kommt. Die Mitglieder erwarten, dass wir einen guten Job machen. Dennoch freue ich mich natürlich, dass wir mit fünf Abgeordneten vertreten sind.

HE Werden Sie Ihren Stil beibehalten oder nun anpassen? Bisher sind Sie oft mit Brachialkritik am Senat aufgefallen, teils ohne konkrete, konstruktive Gegenvorschläge.
Thering Mich als Typ komplett zu ändern wäre wenig authentisch, aber natürlich habe ich als Oppositionsführer eine andere Rolle. Bisher stand Verkehr im Fokus – dazu haben wir wie zu anderen Themen auch ein sehr konstruktives eigenes Mobilitätskonzept vorgelegt –, jetzt sind es alle Themenbereiche. Ich muss aufzeigen, was wir als CDU besser machen würden, da werde ich meinen Stil finden.

HE Verspüren Sie Druck als Oppositionsführer?
Thering Druck hat man in der Politik immer. Ich mag He­rausforderungen. Natürlich ist da ein gewisser Erwartungsdruck aus Öffentlichkeit und Partei, aber der ist nicht verkehrt. Daran kann man wachsen und besser werden. Ich kann nachts gut schlafen.

HE In voraussichtlich fünf Jahren wird neu gewählt. Als Fraktionschef haben Sie mit das Erstzugriffsrecht auf die Spitzenkandidatur. Ist es Ihr Ziel, Bürgermeister zu werden?
Thering Ich habe immer gesagt, der Fraktionsvorsitzende muss zur Spitzenkandidatur willens und in der Lage sein. Vorstellen kann ich es mir durchaus, aber wir werden in gut vier Jahren entscheiden, mit wem wir ins Rennen gehen.


fdjs