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Ein klares politisches Nein - Ausgabe 12.02.2020

Senatsbeschluss gegen Bauen am Wohldorfer Wald

Ohlstedt – Nach der juristischen Entscheidung nun die politische: Vergangene Woche legte der Hamburger Senat den angekündig­ten Fahrplan für das Gebiet des ehema­ligen Bebauungsplans Wohldorf-­Ohlstedt 13 (WO 13) vor, um die dortigen Natur­flächen aufzuwerten.
Von Oliver Spatz
Damit sollen, wie es heißt, „die Differenzen der Vergangenheit zum Naturerhalt und Wohnungsbau beigelegt und ein Naturschutzkonsens für den Stadtteil erarbeitet werden“.
Im April 2019 hatte das Hamburgische Oberverwaltungsgericht den über Jahrzehnte hochumkämpften B-Plan WO 13 für unwirksam erklärt. Kurz darauf – wenige Wochen vor der Wahl zur Bezirksversammlung – überboten sich SPD, Grüne und CDU in ihren Versicherungen, ein für alle Mal von weiterer Bebauung der ökologisch wertvollen Feldmark am Wohldorfer Wald Abstand zu nehmen. Ende September kündigte Rot-Grün dann öffentlich an, zügig eine konkrete „Roadmap“ zu erstellen, um die Grünflächen vor Bebauung zu schützen und unter höchstmöglichen Schutz zu stellen (das Heimat-Echo berichtete). Dieser Fahrplan wurde nun – wie zugesagt noch vor der Bürgerschaftswahl – vergangene Woche Dienstag vom Senat beschlossen und am Donnerstag im Landhaus Ohlstedt auf einer Veranstaltung des Forums für Ohlstedt e.V. vorgestellt.

Überführung
Konkret wird der zur Finanzbehörde gehörende Landesbetrieb Immobilienmanagement und Grundvermögen (LIG) gemeinsam mit der Behörde für Umwelt und Energie (BUE) und dem Bezirksamt Wandsbek Schritt für Schritt Maßnahmen zur biologischen Aufwertung des gesamten Areals planen und umsetzen. Hierzu wird ein landschaftsplanerisches Gutachten erstellt. LIG-Geschäftsführer Thomas Schuster: „Die Schaffung von Grünflächen am Wohldorfer Wald kommt unserem Ökokonto zugute, mit dem wir vorzunehmende Eingriffe in Natur und Landschaft an anderer Stelle kompensieren können.“
Mit den Aufwertungsmaßnahmen sollen die wesentlichen Voraussetzungen für eine spätere Einbeziehung in den Biotopverbund und eine Ausweisung der Flächen als Naturschutzgebiet geschaffen werden. Die Flächen nördlich und südlich der Hoisbütteler Straße werden schrittweise in den nächsten zwei bis vier Jahren in das Sondervermögen Naturschutz und Landschaftspflege der Umwelt­behörde übertragen.
Finanzsenator Dr. Andreas Dressel (SPD) betonte abermals, ein Naturschutzgebiet entstehe nicht auf Knopfdruck, sondern im geordneten Verfahren. Die Überführung in das Sondervermögen der BUE führe zu 6,2 Millionen Euro Abschreibungsbedarf. Die ökologische Aufwertung sei also eine finanzielle Abwertung. Bei aller Überzeugungsarbeit, die im Senat habe geleistet werden müssen, sei es aber „in diesem besonderen Einzelfall vertretbar, aus Bauland Grünland zu machen – mit allen auch bilanziellen Folgen, die wir gemeinsam tragen wollen“.
Für Christiane Blömeke war es „ein hochemotionaler Abend“. Gewinner sei nach jahrzehntelangem Ringen die Natur. Seit Beginn ihrer politischen Karriere habe sie sich vehement gegen die Bebauung des Areals eingesetzt. „Beharrlichkeit führt zum Ziel“, so die scheidende Bürgerschaftsabgeordnete der Grünen. „Es hätte aber nicht gereicht ohne Ihren Kampfeswillen“, wandte sie sich an die Ohlstedter. So sei es insgesamt eine „enorme Gemeinschaftsleistung, nicht zuletzt jetzt im Senat“. Für die frühere Ohlstedterin schließt sich ein Kreis: „WO 13 war mein erstes politisches Thema – und ist nun auch mein letztes.“
Blömekes CDU-Kollege im Rathaus Dennis Thering dankte wie schon die Vertreter von Rot-Grün allen, die sich engagiert hätten. Es sei „ein Tag zum Schulterklopfen“.

Vom Dissens zum Konsens
So viel Harmonie in der Politik, aber auch zwischen Politik und Bürgern war lange nicht in Ohlstedt. Hermann Horster vom Vorstand des Wohldorfer Wald Hilfsfonds e.V. offenbarte große Freude über die nun eingeleitete Entwicklung zum Naturschutzgebiet, die hoffentlich unumkehrbar sei. Zugleich wolle man wachsam bleiben, denn: „Wenn es in fünf Jahren in Hamburg vielleicht eine ganz neue Konstellation gibt, wie belastbar ist dann eine solche Überführung in das Sondervermögen?“ Dressel erwiderte, „der Senatsbeschluss liegt vor – wer später etwas anderes will, müsste ihn formell aufheben“. Für solche Absichten gibt es zumindest derzeit keine Anzeichen, und sie wären wohl auch kaum mehrheitsfähig. Thering ergänzte: „Von uns dreien haben Sie ein klares Versprechen. Und mindestens einer von uns wird an der nächsten Regierung wohl beteiligt sein.“
Neue Pachtverträge sollen vorerst nicht mehr abgeschlossen werden. Als ersten sichtbaren Schritt wird einer der Landwirte im Frühjahr auf der Pachtfläche einen zwölf Meter breiten Blühstreifen anlegen. Das Saatgut liefert die Umweltbehörde. Erst scherzhaft, dann durchaus ernst gemeint verabredeten sich Politik und Bürger, gemeinsam beim Einsäen mit­anzupacken.
Andreas Exsternbrink vom Vorstand des Forums für Ohlstedt dankte den Vertretern der rot-grünen Koalition für die verständliche Darstellung des Prozedere. Zugleich sollten sich beim Thema Naturschutz alle an die eigene Nase fassen, etwa nicht einfach Blumen pflücken oder Hunde überall laufen lassen. „Wir werden die Zukunft im Auge behalten und unterstützen, wo es geht.“ Und Dr. Horst Ulrich, zusammen mit seiner Frau seit jeher Speerspitze des Ohlstedter Widerstands gegen städtischen Bauwillen, blickte auf rund 30 Jahre zurück: „Ich habe Hilfe von vielen gefunden. Eigentlich dachte ich, nach dem Scheitern des ersten B-Plans sei die Sache erledigt. Aber ein zweiter Anlauf war nötig.“


fdjs