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Volksdorfer Erinnerungen an den 9. November 1989 - Ausgabe 06.11.2019

Ein Gastbeitrag aus Anlass von 30 Jahren Mauerfall

Volksdorf – „Das trifft … nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ So die Worte des SED-Funktionärs Günter Schabowski am 9. November 1989 auf der Berliner Pressekonferenz kurz nach 19 Uhr im Fernsehen.
Jürgen Fischer
Genau zur gleichen Zeit, am Abend dieses 9. November, hatten meine Frau und ich bei uns zu Haus in Volksdorf einige Schüler zu Gast, die in den Wochen zuvor aus der DDR über Ungarn oder die Tschechoslowakei gekommen und an dem damals von mir geleiteten Walddörfer-Gymnasium eingeschult worden waren, unter anderem weil diese Schule mit dem Fach Russisch solchen Schülern ein Anknüpfen in ihrer ersten und bisherigen Pflicht-Fremdsprache ermöglichen konnte. Vier ältere von den insgesamt 21 Schülern der Klassen 6 bis 12 hatten wir eingeladen, um mit ihnen über ihre Situation jetzt im Westen, in der neuen Umgebung und in einer ganz anderen Schule, als sie sie bis dahin erlebt hatten, zu sprechen. Darunter auch Jugend­liche, die allein ohne Familie im Westen gelandet waren.

Verzögertes Begreifen
In den Tagen damals wurden die Neuigkeiten im Fernsehen sehr genau verfolgt, und so kam es, dass wir mit unseren jungen Gästen zwischen 19 und 20 Uhr die Nachrichten in der „Aktuellen Kamera“ des DDR-Fernsehens und die „Tagesschau“ – auch auf ihren Wunsch – einschalteten. Dabei konnten wir zusammen mit den Schülern die legendär gewordenen Worte erleben, die faktisch die sofortige Öffnung der Berliner Mauer bedeuteten. Wir haben das zunächst nicht wirklich realisiert, erst im weiteren Verlauf des Abends dämmerte den Gästen und uns allmählich, dass da etwas Umstürzendes geschieht, und vor allem, dass die Übersiedlung, besser: Flucht, aus der DDR plötzlich in einem völlig anderen Licht zu sehen ist und mit allen ihren Belastungen womöglich gar nicht nötig gewesen wäre. Spätestens, als gegen Ende des Abends eine Schülerin von ihrem Vater abgeholt wurde und der entsprechend aufgewühlt war, begannen wir zu begreifen, was da geschieht und wie das auf diese Schüler und ihre Familien wirken musste.

Welle der Hilfsbereitschaft
An der Schule und in ihrem Umfeld hatte die deutsch-deutsche Entwicklung im Herbst 1989 einen besonderen Stellenwert, der durch die Schüler aus der DDR und das damit verbundene Kennenlernen geprägt wurde. In bester Erinnerung habe ich die selbstverständliche Hilfsbereitschaft Volksdorfer Familien bei der Wohnungs- oder Zimmersuche für die aus der DDR stammenden Schüler und bei der Finanzierung ihres Nachhilfeunterrichts insbesondere in Englisch. Dabei half auch eine großzügige Unterstützung des Lions Clubs.
Mit der überraschenden Öffnung der Grenze ergab sich für diese Schüler eine ganz neue Situation. Sie konnten viel eher als erhofft ihre in Dresden, Leipzig, Rostock, Ost-Berlin, Teltow, Plauen, Tangermünde, Wolgast und Schwerin zurückgelassenen Freunde und Verwandten wiedersehen. Eine aus Dresden gekommene Schülerin betrieb das Projekt, zwischen ihrer „neuen“ Klasse 10a am Walddörfer-Gymnasium und ihrer „alten“ Klasse 10a an der „Polytechnischen Oberschule 107“ in Dresden einen Besuchsaustausch noch im laufenden Schuljahr zu versuchen. Sie nahm in den Weihnachtsferien – sozusagen „unverzüglich“ – einen entsprechenden Brief ihres Hamburger Schulleiters an die dortige Direktorin mit in ihre Heimatstadt Dresden. Die Antwort kam ebenso „unverzüglich“, und so hat sich in den ersten Wochen des Jahres 1990 eine besondere Beziehung zwischen der 107. Oberschule Dresden und dem Walddörfer-Gymnasium Hamburg angebahnt. Dresden war damals Hamburgs Partnerstadt, in den Tagen und Wochen nach der Grenz­öffnung wurden Sonder­züge zwischen beiden Städten eingesetzt. Anfang 1990 besuchten sich die Schulleitungen, und im Frühjahr und Sommer kam es zu Besuchen von 9. und 10. Klassen in beide Richtungen mithilfe der gastfreundlichen Volksdorfer und Dresdener ­Elternhäuser. Auch mit einer Schule in Schwerin wurden Besuchsaustausche organisiert. ­Viele heute zwischen 45 und 50 Jahren alte ehemalige Schüler des Walddörfer-Gymnasiums werden sich in diesen Tagen sicherlich an solche Begegnungen erinnern.
Für meine Frau und mich bleibt der Abend des 9. November vor 30 Jahren mit unseren Gästen und dem historisch gewordenen Wort aus dem Fernseher in seiner Gleichzeitigkeit unvergesslich: „Das trifft … nach ­meiner Kenntnis … ist das sofort, ­unverzüglich.“


fdjs