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Ein Jahr für Alstertal und Walddörfer im Bundestag - Ausgabe 05.12.2018

Dr. Christoph Ploß (CDU) im Gespräch über seinen Arbeitsalltag, Bürgernähe, persönliche Ambitionen und Friedrich Merz

Interview: Oliver Spatz

Sasel – Im Herbst 2017 wurde er erstmals für die CDU in den Deutschen Bundestag ­gewählt. Seinem Wahlkreis Hamburg-Nord fügt er gern noch ein „.../Alstertal“ hinzu, um Identifikation in der wichtigen Region zu schaffen.

„Sein“ Gebiet umfasst neben Stadtteilen des Bezirks Nord eben auch das Alstertal und – bis auf Volksdorf, das zum Wahlkreis Wandsbek gehört – die Walddörfer. Am Saseler Markt treffe ich Dr. Christoph Ploß (33) zwischen vielen ­Terminen an einem Wahlkreisintensivtag zu einem ­hastigen Abend­essen.

Wo wohnen Sie in Hamburg?
Aufgewachsen bin ich in ­Winterhude und wohne jetzt in Eppendorf/Hoheluft-Ost.
 
Wie gut kennen Sie das Alstertal?

Meine Großeltern kommen aus Bergstedt, meine Mutter ist in Wellingsbüttel aufgewachsen. Ich habe also seit meiner Kindheit einen engen Draht zur ­Region. Insofern ist der Wahlkreiszuschnitt prädestiniert für mich, auch wenn man natürlich nicht jeden Winkel gleich gut kennen kann.

Heute ist Wahlkreisintensivtag. Wie sieht so ein Tag aus?
Ich stehe meist zwei Stunden Bürgern am Infostand für Gespräche zur Verfügung und besuche dann vier Institutionen im entsprechenden Stadtteil. Danach folgen Hausbesuche bei Bürgern, durch die ich ­unterschiedliche Anregungen aus der Bevölkerung für meine politische Arbeit erhalte und durch die ich gleichzeitig mitbekomme, welche Meinungsvielfalt bei einigen Themen herrscht. Die Besuche verlaufen zu 80 Prozent freundlich. Bürger honorieren auch bei unterschiedlichen inhaltlichen Auffassungen, dass ich mich engagiere. Um 20 Uhr folgt dann immer ein plakatierter Bürgerdialog, zu dem alle interessierten Bürger eingeladen sind.

Was wird Ihnen von Bürgerseite konkret gespiegelt?
Ganz unterschiedlich, aber ei­nige Themen kommen immer wieder: Gerade im Alstertal ist Fluglärm fast in jedem Haus Thema, genauso wie die Vernichtung von immer mehr Grünflächen im Alstertal durch den rot-grünen Senat. Auch die Migrationspolitik und die kata­strophale Hamburger Verkehrspolitik bewegen die Menschen. Über Letztere wird in der Hamburgischen Bürgerschaft politisch entschieden. Viele Bürger sagen, was hier in Hamburg los ist, geht gar nicht. Parkplätze werden wie an der Rolfinck­straße vernichtet, teils gibt es Dauerbaustellen, ein Verkehrsmanagement ist nicht erkennbar, Baustellen werden schlecht koordiniert. Die Menschen ­stehen dauernd im Stau und verlieren viel Lebenszeit – ­insbesondere im Alstertal ein drängendes Thema für viele, weil sie in der Stadt arbeiten und längere Wege zurückzu­legen haben.

Was können Sie in Berlin ernsthaft für kleine Hamburger Stadtteile erreichen? Selbst wenn Sie Nöte von Bürgern kennen: Im Bundestag interessiert niemanden, was Heinz und Erna Müller aus Poppenbüttel sagen. Gibt man Wählern nicht bloß die Illusion, bürgernah zu sein und sich für ihre lokalen, lebensnahen Belange ein­setzen zu können?
Natürlich kommen Bürger auch mit Themen an, die ich in Berlin nicht bewegen kann. Der Umbau des Saseler Markts etwa ist ein reines Hamburger Thema. Aber wir sind in der CDU ­immer in engem Austausch zwischen Bezirks-, ­Bürgerschafts- und Bundestagspolitikern. Nehmen Sie beispielsweise das Thema Fluglärm: Das betrifft vor allem die Landes­ebene. Die CDU ­Alstertal tritt sehr für die Einhaltung der Nachtruhezeiten und für die Umsetzung des vom rot-grünen Senat versprochenen, auf Initiative der
CDU zustande gekommenen 16-Punkte-Plans ein, mit dem mehr Lärmschutz erreicht werden soll. Mein Kollege Dennis Thering macht hier Druck auf den rot-grünen Senat, der die Umsetzung leider immer noch verweigert. Ich setze mich auf Bundesebene wiederum dafür ein, in Forschung und Wissenschaft zu investieren, damit Flugzeuge leiser werden.
Als Verkehrspolitiker in Berlin treibe ich für Hamburg Investitionen in die Infrastruktur voran. So ist die neue S-Bahn-Linie 4 sehr wichtig für unsere Stadt, deren maßgebliche Finanzierung durch den Bund aufgrund meines Engagements zustande gekommen ist. Die S4 ist von enormer Bedeutung für die Entlastung des Hauptbahnhofs, aber auch für die bessere Anbindung des Bezirks Wandsbek an das Netz im öffentlichen Nahverkehr.

Angenommen, Friedrich Merz würde am 7. Dezember neuer CDU-Chef, womöglich später Kanzler. Was bedeutete ein wirtschaftsliberaler Kurs für den Fluglärm?
Wir haben nun mal einen innerstädtischen Flughafen, der Lärm wird seit den 90ern immer mehr. Darum hatte der Senat auf Initiative der CDU vor der letzten Bürgerschaftswahl den 16-Punkte-Plan als Kompromiss zwischen den betrof­fenen Bürgern, der Wirtschaft und den mobilen Interessen der Hamburger mitgetragen. Solch einen Kompromiss zwischen allen Seiten muss man einhalten. Denn die CDU ist nicht nur wirtschaftsfreundlich, sondern eben auch eine Rechtsstaatspartei, die sich für die Einhaltung von Verein­barungen und Regeln einsetzt.

Wie fühlt es sich an als „Frischling“ im Bundestag?
Meine erste Rede war natürlich ein besonderer Augenblick. Im nationalen Parlament vor dem Bundesadler reden zu dürfen … auch für solche Momente arbeite ich hart. Inzwischen habe ich gut zehn Reden im Deutschen Bundestag gehalten, wachse immer mehr in meine Aufgabe hinein. Wir haben 246 profilierte Abgeordnete in der CDU/CSU-Fraktion, die alle etwas bewegen wollen und hervorragende Arbeit leisten. Man muss fleißig sein, intellektuelle Kapazitäten und Interesse mitbringen, um dort mitzuhalten und weiterzukommen. Meistens bin ich in Sitzungswochen bis 23, 24 Uhr im Büro, manchmal auch länger unterwegs. Der erste Termin beginnt meist um 7.30 Uhr.

Privatleben Fehlanzeige?
Bei aller Freude, die ein Bundestagsmandat mit sich bringt: Dem Privatleben ist es nicht gerade förderlich. Eine Woche ist man in Berlin, eine in Hamburg, ab und zu kommt eine Dienstreise ins Ausland dazu. Auch am Wochenende ist man ständig unterwegs. Wenn ich freitags aus Berlin komme, geht es meist direkt im Wahlkreis weiter. Man muss ver­suchen, sich am Sonntag ein paar Stunden abzuzweigen. Aber es ist eben kein Job, wo man um 18 Uhr zu Hause ist und sich um die Familie kümmern kann.

Haben Sie Volker Kauder oder Ralph Brinkhaus gewählt?

Ralph Brinkhaus.

Warum?
Weil ich die Überzeugung habe, dass mit Ralph Brinkhaus die Meinung der Fraktion noch stärkeres Gewicht bekommt. Vom Intellekt, Auftreten und den rhetorischen Fähigkeiten traue ich ihm sehr viel zu.

In wenigen Tagen ist Bundesparteitag hier in Hamburg, die Entscheidung über die Merkel-Nachfolge im Parteivorsitz naht. Warum bevor­zugen Sie Friedrich Merz an der Spitze? Er steht nicht für den Generationswechsel, den gerade Sie als junger Mensch einfordern und eher für Jens Spahn plädieren könnten, den Sie im Bundestagswahlkampf sehr gelobt haben. Kürzlich in der „Mopo“ machten Sie keinen Hehl daraus, dass Sie Merz zutrauen, „die stärkste Anziehungskraft in den verschiedenen Milieus zu entfalten“. Ist das wirklich so? Keine Sorge etwa wegen BlackRock?
Friedrich Merz spricht unterschiedliche CDU-Milieus an. Einmal natürlich wirtschafts­liberale. Dann wertkonserva­tive Milieus, denen unter ­anderem gesellschaftliche Leit­linien für Integration und kontrollierte Migration wichtig sind. Und auch sozialpolitisch ist er engagiert – seinen Ansatz von Fördern und Fordern finde ich gut. Die Mischung macht Merz zum geeigneten Kandi­daten. Auch Annegret Kramp-Karrenbauer sollte eine exponierte Stellung einnehmen, weil sie eine hohe Anziehungskraft in christlich-soziale Milieus entfaltet, und wir müssten im Idealfall noch jemanden für die Spitze der CDU finden, der glaubwürdig für umweltpolitische Themen wie Klimaschutz, Nachhaltigkeit, Lärmschutz, Luftverschmutzung steht. Diese Themen werden für Bürger immer wichtiger, darauf müssen wir als Union Antworten haben.
Bei den vielen Gesprächen, die ich führe – ich war allein heute zwölf Stunden in Sasel unterwegs –, äußern sich bestimmt 80 Prozent pro Merz. Häufig hören wir bei Hausbesuchen wie letztens in Poppenbüttel: „Wir haben AfD gewählt, um ein Statement zu setzen. Wenn ihr Friedrich Merz aufstellt, wählen wir wieder CDU.“ Ich wünsche mir aber auch, dass Jens Spahn in die engste Führungsriege aufrückt. Er ist jetzt 38. Wenn er mit Mitte 40 noch höhere Ämter übernehmen würde, wäre das eine gute Abwägung …

… Merz eher als Zwischenkandidat …
… na, ich traue ihm schon zu, dass er zwei Legislaturperioden macht. Heute wird man glücklicherweise mit Mitte 60 nicht mehr aussortiert wie ­früher. Zudem sehe ich Merz‘ Wechsel zwischen Wirtschaft und Politik als Vorteil.

Nach wie vor sind Sie CDU-Kreischef im Bezirk Nord sowie Vize-Landesvorsitzender, zudem der einzige CDU-Kandidat, der in Hamburg ein Bundestags-Direktmandat erkämpfen konnte. Wie gehen Sie mit dem Etikett „Hoffnungsträger“ um?
Ich lasse mich von Etiketten – positiv wie negativ – nicht ­beeindrucken. Ich mache engagiert und mit Spaß meinen Job. Genügend Leute sind als Hoffnungsträger gestartet und ganz woanders gelandet. Wichtig für mich ist, bescheiden und normal zu bleiben. Ich habe zum Beispiel kein Auto, fahre Bus und Bahn, nehme das Rad oder gehe zu Fuß. Es ist übrigens manchmal lustig zu sehen, wenn Bürger überrascht sind, dass man als ­Bundestagsabgeordneter den öffentlichen Nahverkehr ganz normal wie andere Menschen auch benutzt.

Sie sind jetzt 33. Welche Ziele verfolgen Sie in der Politik?
Politische Karrieren kann man nicht wirklich planen. Ich bin direkt gewählt. Mein Ziel ist, dass die meisten Bürger am Ende der Wahlperiode sagen, der Christoph Ploß hat einen guten Job gemacht, er hat klare Positionen, er kümmert sich und ist ansprechbar für unsere Belange. Wenn ich von meiner Partei wieder aufgestellt werden sollte, würde ich natürlich gern den Wahlkreis erneut gewinnen. Wer nach Berlin geht, macht das in der Regel schon für einen gewissen Zeitraum. Genauso kann es aber sein, dass ich irgendwann wieder einmal zurück in die Landespolitik komme. Wer weiß, vieles ist in der Politik möglich. Jetzt habe ich gerade erst im Bundestag angefangen und will dort einiges für unser Land und unseren Wahlkreis Hamburg-Nord/Alstertal bewegen. 


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