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Mit dem „Geschichtomaten“ zurück in die Vergangenheit

Meiendorfer Schüler befragen den Zeitzeugen Jürgen Fischer

Volksdorf – Ungewöhnliche Szene in der Weißen Rose am vergangenen Mittwoch: Eine Handvoll Schüler steht um eine kleine Videokamera he­rum – ausgerüstet mit einem großen, grauen Mikrofon. Ein Mann taucht auf: Schiffermütze, Brille, grauer Bart. Viele im Stadtteil kennen ihn: Es handelt sich um Jürgen Fischer, der 74-Jährige war lange Schulleiter am Walddörfer-Gymnasium.

Die kleine Gruppe versammelt sich um das Mahnmal Weiße Rose, das an den studentischen Widerstand im Dritten Reich erinnert. „Ich dachte immer, es wären Hunde oder so“, sagt einer der Schüler. Ein ­anderer ergänzt: „Die Erklär­tafeln haben dann erst auf den zweiten Blick mehr preisgegeben.“ Die Schüler – alle von der Stadtteilschule Meiendorf und ausnahmslos Jungs – sind interessiert. Haben sie sich doch im Rahmen des Projekts „Geschichtomat“ aktiv die Aufgabe „Führe ein Interview mit einem Zeit­zeugen“ ausgesucht.
Zum Zeitzeugen macht Jürgen Fischer, dass er bereits beim Bau des Denkmals dabei war: 1977 wurde die Fußgänger­zone auf Beschluss des Ortsausschusses Walddörfer in ­Erinnerung an den studentischen Widerstand nach der Weißen Rose benannt und ein Mahnmal errichtet.

Warum so spät?

„1977 erst? Warum so spät?“, fragt ein Schüler, während die Kamera läuft. „Das ist eine gute Frage“, ist die Antwort von Jürgen Fischer. „Sein“ Walddörfer-Gymnasium kümmert sich noch heute um die Pflege: Jedes Jahr am 22. Februar – dem Tag, an dem 1943 unter anderem die Geschwister Scholl in München hingerichtet wurden – legen die Schüler dort Blumen nieder und gedenken der schrecklichen Nazi-Taten. Niemals soll vergessen werden, was Ausgrenzung und Fremdenhass aus Deutschland gemacht haben, das ist untrennbar mit der Geschichte unseres Landes verbunden. „Gerade in Zeiten wie diesen ist das wichtig“, unterstreicht Fischer.

Gegen das Vergessen

Die Schüler – allesamt aus der Klasse 10a der Stadtteilschule Meiendorf – beschäftigen sich zum ersten Mal so intensiv und im Detail mit der deutschen Geschichte und eben der Weißen Rose: „Es bleibt mit Sicherheit mehr hängen, als wenn wir uns es angelesen hätten oder ein Referat hätten halten müssen“, sind sich die Jungs sicher. Anstelle trockener Theorie ­haben sie es dem Projekt ­„Geschichtomat“ und engagierten Medienpädagogen wie dem ebenfalls anwesenden Daniel Roßberg zu verdanken, dass sie einen anderen Zugang erhalten. Das Schülerprojekt des in Hamburg ansässigen „Instituts für die Geschichte der deutschen Juden“ ist deutschlandweit einzigartig: „Ziel ist es, Schülerinnen und Schülern einen Zugang zur jüdischen Geschichte, Kultur und Gegenwart vor ihrer Haustür zu eröffnen“, erklärt Dr. Carmen Smiatacz vom Projektbüro. Seit 2013 gibt es den „Geschichtomaten“. Über 30 Schulen haben inzwischen teilgenommen, viele Schüler aller Schulformen werden folgen. Auch Erwachsene können hier etwas dazulernen. So wie in Volksdorf: Während des Videodrehs am Mahnmal blieben Passanten stehen und interessierten sich – augenscheinlich zum ersten Mal – für das Denkmal und die Infor­mationstafeln. So haben nicht nur die Schüler etwas vom „Geschichtomaten“ … Wer mehr wissen möchte, kann sich ab dieser Woche im Internet informieren: Das Interview und mehr zum Projekt gibt es unter www.geschichtomat.de.
(büh)


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