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Rund 420 Neubürger für Wohldorf-Ohlstedt - Ausgabe 12.08.2015

Bundeswehr errichtet Zeltunterkünfte auf dem Ohlstedter Platz, positive Einstellung bei vielen Ortsansässigen

Wohldorf-Ohlstedt – Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Nordosten Hamburgs: Am Freitag vergangener Woche errichtete die Bundeswehr in Kooperation mit der Behörde für Inneres 44 Zelte für Flüchtlinge auf dem Ohlstedter Platz.

Dort sollen die ersten Menschen noch in dieser Woche eine neue Heimat finden. Insgesamt werden rund 420 Neubürgerinnen und Neubürger erwartet. Sie werden ein erstes Domizil in Hamburg beziehen, bis Ende September dann an anderer Stelle untergebracht werden.
Die Entscheidung der Hansestadt Hamburg wurde sehr kurzfristig getroffen, am Donnerstag wurden die Anwohner mit einem Handzettel informiert. „Wir hätten uns schon eine frühere Benachrichtigung gewünscht, wir wohnen nur wenige Meter von den Zelten entfernt”, so eine direkte Nachbarin. „Wir sind hier her gezogen, weil wir unsere Ruhe haben wollten. Das ist jetzt wohl vorbei”, wendet eine andere Anwohnerin ein. Aber die Mehrheit der Menschen möchte den Neubürgern die Integration erleichtern. Es gibt bereits Angebote für Sprachunterricht, Unterstützung bei Einkäufen oder im Umgang mit der Verwaltung.

Zeitdruck

Bei einer Zahl von 200 bis 300 Flüchtlingen, die pro Tag nach Hamburg kommen, ist es kaum mehr möglich, die Nachbarn frühzeitig in Kenntnis zu setzen. Die Verwaltung bittet um Verständnis bei der Bevölkerung. Am Donnerstag, 13. August, um 18 Uhr findet im Gymnasium Ohlstedt eine Informationsveranstaltung statt, bei der die Anwohner Fragen stellen können und alles Wissenswerte über die Unterkunft erfahren.

Stimmen

„Auch die Walddörfer müssen sich an der Herausforderung der Unterbringung von Flüchtlingen beteiligen, das ist eine Aufgabe der ganzen Stadt. Für die kurzfristige und temporäre Einrichtung der Unterbringung am Ohlstedter Platz bitte ich die Anwohner um Verständnis”, erläutert Dr. Andreas Dressel, SPD-Fraktionsvorsitzender in der Bürgerschaft.
Christiane Blömeke, Bürger­schaftsabgeordnete aus Wohldorf-Ohlstedt: „Ich bin am Ohlstedter Platz geboren und habe insgesamt 35 Jahre in Ohlstedt gelebt. In dieser Zeit hat sich Ohl­stedt sehr gewandelt. Viele Menschen sind zugezogen und haben Ohlstedt bereichert. Jetzt kommen Flüchtlinge zu uns nach Ohlstedt. Menschen, die aus höchster Not und Angst um ihr Leben und das ihrer Kinder einen weiten, gefährlichen Weg hinter sich gebracht haben, suchen Zuflucht bei uns. Das bringt Veränderungen mit sich, viele Fragen und bei manchen vielleicht auch Sorgen und Ängste. Darum ist es wichtig, miteinander im Gespräch zu bleiben. Ich bin mir bewusst, dass die Unterbringung von 420 neuen Menschen in Ohlstedt eine Herausforderung sein wird, denn das Leben am Stadtrand hat auch Nachteile, beispielsweise was  die Verkehrsanbindung oder die Einkaufsmöglichkeiten angeht. Aber für mich ist es ganz klar: Ich heiße die Flüchtlinge willkommen und hoffe, dass sich viele Menschen aus Ohlstedt dem anschließen können. Mit unserer gemeinsamen Hilfe und unserem Willkommen können wir den Menschen in Not helfen, sich bei uns in Ohl­stedt zurecht zu finden.”
Der Volksdorfer CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Thilo Klei­bauer sieht die großen Herausforderungen, die weiterhin auf Hamburg zukommen, aber auch die Welle der Hilfsbereitschaft der Bevölkerung: „Die Unterbringung von Flüchtlingen in Zelten in öffentlichen Grünanlagen wie am Ohlstedter Platz ist ganz klar eine Notmaßnahme. Dies zeigt, wie problematisch die Lage in Hamburg derzeit ist, wenn jetzt die letzten verfügbaren Bundeswehrzelte und die Messehallen genutzt werden. Das ist eine große Herausforderung für die ganze Stadt und für uns vor Ort. Ich freue mich, dass von den Anwohnern in Ohlstedt in den letzten Tagen schon viel Verständnis und konkrete Hilfsbereitschaft geäußert wurde. Trotz der Kurzfristigkeit der Maßnahme ist dies eine gute Basis für die Ankunft der Flüchtlinge in Ohlstedt.”
Nachdem P+R-Anlagen und Wochenmarktplätze sich nicht als geeignet für Flüchtlingsunterkünfte dargestellt haben, konzentriert sich die Suche nach weiteren Standorten jetzt auch auf landwirtschaftliche Flächen.

Vor Ort

Montagnachmittag, 10. August: Auf dem stillen, grünen Ohl­stedter Platz ist eine Zeltstadt entstanden. 44 Wohnzelte à zehn Personen füllen fast das gesamte Areal. Jürgen Tissier vom Landeskommando Hamburg der Bundeswehr und seine Leute haben ganze Arbeit geleistet. Und noch sind sie nicht fertig: Betten müssen aufgebaut, Kabel verlegt, Leuchten montiert werden. „Nur“ noch 35 Soldatinnen und Soldaten sind am Werk, am Morgen waren es noch 130, denn die Zelte sind nicht leicht aufzubauen: Acht Hände braucht es, um ein Zelt korrekt zu verankern. Dienstag Früh kommen die Helfer vom Technischen Hilfswerk und installieren Versorgungszelte, sanitäre Anlagen und Elektrizität. Auch mehrere Container für diverse Zwecke müssen noch aufgestellt werden. Die Zeit wird knapp, denn am Mittwoch sollen sie schon kommen, die Menschen, die hier vorübergehend zuhause sein werden.
„Beeindruckend ist der Einsatz der Ohlstedter Einwohner“, sagt Jürgen Tissier. „Dort hinten haben hilfsbereite Ohlstedterinnen einen Stand aufgebaut. Sie versorgen uns laufend mit Getränken und Brötchen, und die Mädels vom „Eisbären“ haben vorhin Eisbecher für alle vorbeigebracht.“ Eins der Zelte ist bereits mit Sachspenden – vor allem für die kleinsten Neubürger – gefüllt: Kinderkarren, Kindermatratzen, Kinderstühle, Decken, Kissen und Spielzeug. Sogar zwanzig brandneue Kinderbetten hat jemand gespendet. Das ist die Hilfe, die man schon sieht. Weitere Unterstützung zeichnet sich jedoch bereits ab: Viele, noch „unsichtbare“, Helfer haben ihre Kontaktdaten und die Hilfeleistungen, die sie beitragen können und möchten, in einem Buch notiert, das am Getränkestand ausliegt: Willkommenskultur in Ohlstedt.  (ed/sl)