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Philosophie des Alltags

Heimat: Qualitätssiegel für ein Alltagsleben - Ausgabe 25.03.2020

„In unserer Stadt wird zu viel gebaut!“ – „Lauter türkische Geschäfte jetzt in unserer Hauptstraße!“ – „Die jüngeren Leute suchen ihre Zukunft immer mehr anderswo!“ – Solcherart Klagen zeigen an, dass das Alltagsleben an Vertrautheit einbüßt. Der soziale Wandel ist unvermeidlich. Doch manchmal scheint er vielen Menschen übertrieben schnell abzulaufen. Die Veränderungen werden zusätzlich als zu intensiv empfunden, und sie scheinen in die falsche Richtung zu gehen. Dann kann die Lebenswelt, bisher als Heimat gelobt, ihre Heimatlichkeit verlieren. „Lebenswelt“, das ist hier das Paket aus Realität und Realitäts-Empfinden. Die tatsächlichen Lebens­bedingungen bestimmter Menschen und der Grad ihrer Zufriedenheit damit beeinflussen sich gegenseitig. Nachgedacht wird über Heimat oft im Angesicht einer Krise. Die Lebensbedingungen passen den Menschen nicht mehr, die Menschen passen einander nicht mehr. Dann leiden die Bedingungen daran, dass der gemeinschaftliche Wille zur „Heimatpflege“ nachlässt. Manche Menschen kehren einer Lebenswelt, die ihnen unbehaglich geworden ist, den Rücken. Das kann mit einem Orts- oder Gruppenwechsel verbunden sein; doch ist auch eine „innere Emigration“ verbreitet. Die Mehrzahl der Menschen braucht eine als Heimat anerkannte Lebenswelt, hat ein ganz elementares Bedürfnis vor allem nach einer funktio­nierenden und solidarischen Gemeinschaft. Dann folgen Orte oder Ort-Sorten: „Seemann, deine Heimat ist das Meer!“
Heimat ist kein beschreibender Begriff, sondern ein Urteil. Wir verleihen dieses Qualitätssiegel einem Alltagsleben, womit wir uns identifizieren. Ein Mensch, der auf Heimat pocht, ist oft konservativ eingestellt, in Bezug auf seine alte Lebenswelt. Doch kann Heimat auch „fortschrittlich“ verstanden werden, als ein Projekt: Millionen von Heimatvertriebenen suchen oder erbauen weltweit neue Heimaten, machen neue Anfänge.
Die auf Heimat gerichteten Bedürfnisse können beschrieben werden. Viele Menschen beschreiben die Lebenswelt, die sie sich als Heimat auserkoren oder geschaffen haben. Deshalb meinen wir oft Bescheid zu wissen, wenn ein Mensch von seiner Heimat spricht. Doch Vorsicht, wenn er nicht nur auf seinen Geburts- oder Wohnort hinweist: Woran Menschen ihr Herz hängen, ist psychologisch bedingt, bis zu einem erheblichen Grad gewissermaßen Geschmackssache. Lebensbedingungen, die im materiellen Sinne „wirtlich“ ausfallen, müssen nicht ausreichen, einen im weitesten Sinne „gesunden“ Alltag zu leben.


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