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Klare Verhältnisse - Ausgabe 26.02.2020

Wahlbilanz im Alstertal und in den Walddörfern

Alstertal/Walddörfer – Nachdem die Sozial­demokraten in den letzten Wochen vor der Wahl ihren zwischenzeitlich fast dahingeschmolzenen Vorsprung in Umfragen wieder kräftig ausbauen konnten, ist nun klar: Dr. Peter Tschentscher wird Hamburgs Erster Bürgermeister bleiben.
Von Oliver Spatz
Rot-Grün verfügt nach dem vorläufigen Ergebnis der Bürgerschaftswahl über eine großzügige Mehrheit. Zwar wäre auch Rot-Schwarz denkbar, ist aber angesichts des eindeutigen Wählerwillens unwahrscheinlich. Worin sollte auch der Reiz bestehen, das einzige verbliebene rot-grüne Bündnis in einem Bundesland zugunsten einer wenig beliebten (ehemals) großen Koali­tion aufzulösen?
Ihren Erfolg von den Bezirks­wahlen im Mai 2019 – in Hamburg stärkste Kraft zu werden – konnten die Grünen im Kampf ums Landesparlament nicht wiederholen. Dennoch ist die Umweltpartei mit 24,2 Prozent (+11,9) der SPD (39,2 Prozent, –6,4) deutlich näher gerückt. Die CDU fuhr mit 11,2 Prozent (–4,7) ihr historisch schlechtestes Ergebnis ein, die Linke blieb mit 9,1 Prozent (+0,6) recht konstant. Nicht mehr in der Bürgerschaft vertreten ist mit 4,9 Prozent (–2,5) die FDP, wohl aber die AfD mit 5,3 Prozent (–0,8).

Votum im Nordosten
In ganz Hamburg stieg die Wahlbeteiligung auf 63,2 Prozent. Im Alstertal und den Walddörfern ist sie traditionell hoch und erreichte am Sonntag mit 75,4 Prozent (+4,7) fast den Spitzenplatz in der Hansestadt. Das mäßige Wetter dürfte also, wenn überhaupt, nur wenige vom Urnengang abgehalten haben. In den Wahllokalen jedenfalls bildeten sich teils Schlangen.
Ihr erklärtes Ziel, erstmals zwei der fünf Direktmandate im Nordosten zu erringen, erreichten die Grünen trotz enorm gestiegener Stimmenzahl nicht. Das gelang wie schon vor fünf Jahren der SPD und der Union. Interessant: Während die CDU beim Landeslistenergebnis hinter den Grünen liegt, liegt sie beim Wahlkreisresultat vor ihnen (siehe Tabelle oben). Der Wahlkreis 13 ist nunmehr der einzige in Hamburg, aus dem die CDU zwei direkt gewählte Abgeordnete ins Rathaus entsenden kann, nämlich Dennis Thering aus Hummelsbüttel (15,5 Prozent) und den Volksdorfer Thilo Kleibauer (4,6 Prozent). Für die SPD sind es Dr. An­dreas Dressel aus Volksdorf (23,0 Prozent) und Dr. Tim Stoberock aus Poppenbüttel (4,5 Prozent). Dressel vereinte wie schon 2015 mit weitem Abstand die meisten Personenstimmen im Wahlkreis und auch in ganz Hamburg auf sich: 79.863 waren es diesmal. Die bisherige Volksdorfer Bezirkspolitikerin Maryam Blumenthal (13,0 Prozent) von den Grünen komplettiert das Quintett der direkt Gewählten, die fortan die Interessen der im Nordosten lebenden Bürger in Hamburgs Hohem Haus vertreten sollen.

Neue Gesichter
Über die Landeslisten zogen weitere Kandidaten ins Parlament ein: Für die SPD ist es Anja Quast. Da ausgemacht sein dürfte, dass der umtriebige Finanzsenator sein Büro in Hamburgs mächtigster Behörde behält, wird wohl Kirsten Martens nachrücken. Die Grünen schicken Linus Jünemann, Zohra Mojaded­di und als Nachrücker für Jens Kerstan, sofern der erneut Umweltsenator wird, Olaf Duge ins Parlament.
Zunächst nicht in der Bürgerschaft vertreten ist der 2015 noch über die Landesliste eingezogene Dr. Joachim Seeler (SPD). Allerdings hat er wie Duge noch Chancen – die genaue Zusammensetzung der neuen Bürgerschaft wird erst feststehen, wenn eine Koalition geschlossen und klar ist, welche Parlamentarier auf Senatorenposten wechseln.

Statements zur Wahl
Dr. Andreas Dressel: „Mit fast 80.000 Stimmen bin ich erneut der Wahlkreiskandidat mit den hamburgweit meisten Personenstimmen. Ich danke meinen Wählerinnen und Wählern für das entgegengebrachte Vertrauen. Das ist Anspruch und Verpflichtung – für mein Wirken für Hamburg insgesamt und für das Alstertal und die Walddörfer.“
Für Dennis Thering gibt es am Debakel für die CDU Hamburg nichts zu beschönigen: „Das hat sicher viele Gründe, die finden wir in Thüringen, müssen wir aber auch bei uns selbst suchen, uns inhaltlich und personell neu aufstellen. Es muss wieder klar sein, wofür wir stehen und welchen Mehrwert es hat, CDU zu wählen. Da liegt eine Menge Arbeit vor uns, die wir jetzt beherzt angehen werden. Im Alstertal und den Walddörfern waren wir sehr präsent und werden das auch weiter sein, als direkter Ansprechpartner für die Bürger. Ich bedanke mich ganz herzlich, dass mir die Menschen ein noch mal besseres Ergebnis als 2015 beschert haben.“
Maryam Blumenthal zeigt sich „sehr froh, dass wir Grüne so gut abgeschnitten haben. Wir hatten auf zwei Mandate gehofft, aber es hat knapp nicht gereicht. Der Wahlkreis wird am Ende drei oder gar vier ­grüne Abgeordnete haben – das ist ein starkes Signal!“
Dr. Tim Stoberock bewertet das Ergebnis als „deutliche Bestätigung, dass wir sozialdemokratische Politik für viele Menschen in dieser Stadt machen, einen Ausgleich herstellen zwischen ökonomischen und ökologischen Belangen. Das heißt es auszubauen.“ Auch Parteikollegin Anja Quast, die bei den Wahlkreisstimmen von Stoberock überholt wurde, sagt, das unaufgeregte, solide Arbeiten von Senat und Bürgerschaft werde honoriert.
Thilo Kleibauer: „Ich freue mich über das Ergebnis. Wir sind im Wahlkreis weiter mit zwei Abgeordneten vertreten. Für die CDU als Ganzes ist es eine große Herausforderung, als kleinere Fraktion weiter für die Stadt zu arbeiten.“
Wahlergebnisse im Detail je Stadtteil oder Wahllokal auf www.wahlen-hamburg.de oder in der interaktiven Karte des Hamburger Abendblatts auf www.t1p.de/hhwahl.


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