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Die Segnungen des Analogen - Ausgabe 22.01.2020

Volksdorfer Senator neuer Waldherr im Museumsdorf

Volksdorf – Das Museums­dorf lud ein, und rund 100 Gäste kamen am Freitag in den Wagnerhof, um das inzwischen 15. Wald­herrenmahl zu begehen.
Oliver Spatz
Ausgerichtet wird es stets von der Stiftung Museumsdorf Volksdorf und dem Trägerverein De Spieker, den beiden institutionellen Säulen des alten Dorfes, in Erinnerung an das Amt des Waldherrn, das es in Hamburgs Walddörfern über Jahrhunderte bis 1831 gab und stets von einem Senator ausgeübt wurde.
Geburtstagskind Andreas Meyer, der an diesem Abend sein 65. Lebensjahr vollendete, berichtete über einige abgeschlossene und laufende Baumaßnahmen, etwa am Harderhof oder am Reetdach des Wagnerhofs. „Wir brauchen immer Geld“, vergaß der Stiftungschef nicht zu ­erwähnen.
Als Spieker-Vorsitzender dankte Jürgen Fischer den zahlreichen Ehrenamtlichen für ihr auch im zurückliegenden Jahr großes Engagement zugunsten des lebendigen Museums. Fischer oblag es auch, das im Laufe der Jahre bereits dritte Senatsmitglied aus der ehemaligen Schülerschaft des Walddörfer-Gymnasiums (WdG) zu begrüßen – einen, der schon einmal kurzfristig eingesprungen war, diesmal aber geplant das heutzutage symbolische Amt des Waldherrn antreten sollte: Dr. Andreas Dressel. Ein „unermüdlicher Ansprechpartner für die Belange der Walddörfer“ sei der 45-jährige Finanzsenator, so Fischer, der zugleich erzählte, wie er vor 30 Jahren in einem Klassenzimmer des WdG dem Klassensprecher Andreas gegenüberstand. „Ich habe das in guter Erinnerung“, sorgte der langjährige Schulleiter für Heiterkeit bei den Gästen.

Familiäres Jubiläum

Dressel selbst wusste sein Grußwort durchaus auch mit Blick auf die nahende Wahl zu nutzen und pries politische Maßnahmen jüngeren Datums in den Walddörfern. Er erzählte aber auch von seiner Heirat im Museumsdorf 2005 und bot sich noch vor der rituellen Übernahme des Waldherrenamts augenzwinkernd für konkrete Inanspruchnahme an: „Ich wohne ein paar Hundert Meter weit weg, das ist gut für Hand- und Spanndienste.“ Nachdem schon Jürgen Fischer erwähnt hatte, dass die Familie Dressel in diesem Jahr 100 Jahre in Volksdorf ansässig sei, griff der Senator das unter Bezugnahme auf heutige Bodenpreise auf. 1920 habe sein Urgroßvater fünf Mark pro Quadratmeter des Grundstücks gezahlt, plus 50 Pfennig pro Quadratmeter als Eisenbahnabgabe, um die noch junge Walddörferbahn zu unterstützen.
Von vielen spannenden Spuren der Vergangenheit im Stadtteil sprach der Sozialdemokrat; Erinnerung gelte es wachzuhalten. Über Parteigrenzen hinweg machte er „eine ganz große Koalition für das Museumsdorf“ aus. Kulturelle und historische Leuchttürme finde man eben nicht nur in der Innenstadt, sondern auch in den Bezirken. „Das Schöne: Hier ist alles analog.“ Mitunter stelle sich die Frage: „Stall ausmisten oder Social Media?“, bemerkte Dressel, der mit dem Plädoyer, gelebte Nachhaltigkeit an die nächste Generation weiterzugeben, bereits zum inhaltlichen Schlusspunkt des Waldherrenmahls überleitete.

Goofy in aller Munde
Nach dem Dessert drehte sich alles um ein Bullenkalb aus dem Zillertal, von WdG-Neuntklässlern auf einer Klassenreise ins Herz geschlossen und liebevoll „Goofy“ getauft. Nach einem szenischen Zusammenschnitt der ereignisreichen vergangenen Monate gaben die Klassenlehrer Barbara Dammann und Frank Mehnert einen Einblick in das, was Schüler, Eltern und Lehrer seither bewegt. „Goofy wurde uns vor die Füße ­ge­boren“, so Dammann über das Jungtier, das ihre Schüler hartnäckig und findig vor der Schlachtung bewahrten – und erfolgreich für seinen Transport nach Volksdorf kämpften, wo Goofy heute im Museumsdorf lebt. Schnell habe man das pädagogische Potenzial erkannt, so Dammann und Mehnert unisono, auch wenn es anfangs noch etliche Fragezeichen gab. Täglich muss gefüttert und der Stall ausgemistet werden. Das Engagement ist da, auch wenn sich bisweilen Widerstand in der Klasse regte, es sollten sich doch die kümmern, die das von Anfang an wollten.
Die Pädagogen jedenfalls betreten Neuland: „Die Lehrerrolle verschiebt sich vom Wissensvermittler hin zum Moderator.“ Und: „Goofy stellt uns nicht nur als Schulgemeinschaft vor die Frage: Wie wollen wir leben?“
Goofy also in aller Munde – aber vorerst nicht wörtlich. „Wir wollten nicht das Museumsdorf sein, das dieses Tier schlachtet“, betonte Egbert Läufer. Unumgänglich ist dieses Ende dennoch: im Winter 2020/21. Bis dahin wurde mit der Klasse ein moralischer Vertrag geschlossen, um deren Engagement zu sichern. Bisher mit Erfolg, auch am Wochenende und in den Ferien. „Wir werden wahrscheinlich auf diesem Weg eine ganze Menge Vegetarier produzieren. Wer sich damit auseinandersetzt, wie wir heute Fleisch erzeugen, kommt ins Grübeln“, setzte Museumswart Läufer inhaltlich einen bedenkenswerten Punkt unter den langen Abend, der nun bei allerlei Trank und ­Gespräch ein allmähliches Ende fand.


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