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Die zerrissene Gemeinde - Ausgabe 27.11.2019

Offenbarungseid in Volksdorf: Kirchengemeinderat handlungsunfähig

Volksdorf – Eigentlich gäbe es genug Punkte aus der evangelischen ­Gemeindeversammlung vergangene Woche ­Dienstag, die eine nähere Betrachtung lohnten.
Von Oliver Spatz
Pastor Jasper Burmester wird am Pfingstsonntag, 31. Mai 2020 mit einem Gottesdienst in den Ruhestand verabschiedet. Seine Stelle wird wohl nicht wieder voll besetzt. Schon zum 1. Januar 2020 geht der Kindergarten St. Johannes in den Kirchengemeindeverband der ­Kindertageseinrichtungen im Ev.-Luth. Kirchenkreis Hamburg-Ost (KGV) über, bleibt damit in kirchlicher Trägerschaft, entlastet aber die Gemeinde spürbar. Keine Besucherabbrüche gab es seit Umstellung der Gottesdienste auf wöchentlichen Wechsel zwischen den Kirchen am Rockenhof und St. Gabriel im März 2019. Die Zusammenarbeit mit Bergstedt, wo die Volksdorfer Pastores seitdem 25 Gottesdienste pro Jahr übernehmen, läuft gut. Dennoch bemüht sich die Gemeinde Bergstedt ihrerseits um ein Zusammengehen mit den Gemeinden Wohldorf-Ohl­stedt und Lemsahl-Melling­stedt. Die Gemeinde Volksdorf wiederum hat die Fusion der Regionen 1 (Wohldorf-Ohlstedt, Lemsahl-Mellingstedt, Duven­stedt, Tangstedt) und 3 (Volksdorf, Bergstedt, Hoisbüttel) beantragt. Im Fall des Vollzugs blieben die Gemeinden völlig selbstständig, wie Pastorin Gabriele Frietzsche in ihrem Bericht als Vorsitzende des Kirchengemeinderats (KGR) betonte. Unter den künftigen Umständen könne auf diese Weise eine bestmögliche pastorale ­Abdeckung der Gemeinden einer Region erreicht werden. Und wie jedes Jahr wurden neben den ehrenamtlich Engagierten elementare Bestandteile des Gemeindelebens wie Kirchenmusik und Jugendarbeit samt Konfi-Camp mit Lob und Dank bedacht.

Die G-Frage
Aber eigentlich kreiste alles doch wieder um eine Frage: Kann, will und soll sich die Gemeinde weiterhin zwei Kirchen im Stadtteil leisten, oder soll die laut Kirchenkreis-Klassifizierung mit dem C-Status versehene Kirche St. Gabriel aufgegeben und die kirchliche Arbeit am A-Standort Rockenhof konzentriert werden?
Die Statistik wies im Jahr 1992 50,5 Prozent der Volksdorfer Bevölkerung als Gemeindemitglieder aus. 2014 waren es noch 36,4 Prozent, seitdem geht die Kurve weiter runter – während die Einwohnerzahl Volksdorfs zunimmt. Pro Jahr verliert die Gemeinde rund 100 Menschen. Mit dem Phänomen stetig sinkender Mitgliederzahlen kämpfen nahezu alle Gemeinden. „Volksdorf ist keine Insel der Seligen“, bemerkte Pastorin Frietzsche. Die Veränderungsprozesse ließen sich nicht aufhalten, aber „noch können wir mitreden“.
Die bisher aufgrund der guten Konjunktur gestiegenen kirchensteuerlichen Zuwendungen werden in den kommenden Jahren zurückgehen, prognostizierte auch Carsten Garberding, Vorsitzender des gemeindlichen Finanzausschusses.
Zur Frage, ob und wie weit ein Erhalt von St. Gabriel als Kirche finanzierbar ist, hat eine Steuerungsgruppe eine Wirtschaftlichkeitsberechnung in mehreren Varianten erarbeitet, die KGR-Mitglied Dr. Jan Erik Spangenberg vorstellte. Trotz minutiöser Aufschlüsselung blieben entscheidende Fragen offen: Wie belastbar sind die Zahlen? Und kann sich eine Gemeinde zu einem erheb­lichen Teil auf letztlich nicht rechtsverbindliche Spenden­zusagen verlassen, wenn sie ein Groß- und Langzeitprojekt mit Kosten im hohen sechsstelligen Bereich auf sich nimmt? Zweifel aus den Reihen der Gemeinde­mitglieder wurden laut – an schwer kalkulierbaren Berechnungen über Jahrzehnte hinweg, wenn man den 70-Plätze-Kindergarten unter der Kirche und den Bau von sieben Reihenhäusern auf dem Kirchengrundstück umsetzte, an bestehenden Finanzierungslücken, aber auch etwa wegen des möglichen Verkehrskollapses durch elterliche Pkw in der Sackgasse Sorenremen. Dazu kommt der bestehende Sanierungsbedarf von St. Gabriel in Höhe von 400.000 Euro.
Der Antrag der 2018 gebildeten Steuerungsgruppe, das Konzept mit Kita und Wohnhäusern zu beschließen, wurde kürzlich zurückgezogen. Nach einem kritische Fragen stellenden Brief von Pröpstin Isa Lübbers, deren Ansicht zur Zukunft der Gemeinde als unverändert gelten darf (siehe Heimat-Echo vom 19.12.2018), hatte es im KGR geknallt. Als Vorsitzende des Gremiums räumte Pastorin Frietzsche offen ein, dass der KGR derzeit handlungs­unfähig ist.
„Vielleicht hat der liebe Gott die Gemeinde vor diesen Konflikt gestellt, damit sie ihn friedlich löst“, meinte Dr. Spangenberg als einer der Streiter für St. Gabriel in einer persönlichen Schlussbemer­kung. Zumindest wurde einmal mehr deutlich, dass das Thema – seit rund neun Jahren – viele Ressourcen bindet. Mehr noch: Der Konflikt lähmt die Gemeindearbeit in weiten Teilen. Mehrfach kam in der Gemeindeversammlung der Appell, sich bei allem Verständnis für emotionale Bindungen an das Gotteshaus St. Gabriel sich von diesem zu lösen und sich wieder der Gemeinde und ihren Menschen zu widmen.

Tollhaus Kirche?
Die Lage ist widersprüchlich: Aufbruch und zugleich Verharrung; Beschwörung des gemeinschaftlichen Geists und zugleich bisweilen Hass innerhalb der Gemeinde. Wie zerrissen diese ist, zeigt sich im Stimmenpatt im KGR, auch wenn das vor allem durch politisches Taktieren, Rückzug und Nicht-Neubesetzung zustande gekommen ist und insofern nicht spiegelbildlich für die gut 7.000 Seelen zählende Gesamtgemeinde steht. Eine empirische Erhebung unter allen Mitgliedern zu der lange schwelenden Streitfrage St. Gabriel könnte ein repräsentatives Stimmungsbild liefern. Doch selbst wenn: Wie Prädikantin Susanne Blessenohl deutlich zu bedenken gab, hat der KGR als gewähltes Gremium die Gemeinde zu leiten und Entscheidungen zu treffen.
Gibt es kein anderes Thema? Die Frage kam in der Gemeindeversammlung mehrfach auf. Schon so einige Menschen haben sich von der Gemeinde resigniert abgewendet, fähige Köpfe sich aus Frust über den Dauerstreit aus verantwortlichen Positionen zurückgezogen. Der Schaden ist also längst eingetreten. Und er wird größer, betrachtet man nur einmal die mitunter bizarre Polarisierung. Verachtung schwingt mit, wenn manch ergrauter Schopf über die – statt mit der – Gemeinde­jugend spricht, die sich auch diesmal mit durchaus bedenkenswerten Beiträgen zu Wort meldete. Dass die Kirche mit zum Teil sehr persönlicher Konfrontation und starrem Festhalten an Althergebrachtem gerade junge Menschen eher abschreckt als für sich gewinnt, wurde auf der Gemeindeversammlung deutlich – fatal in Zeiten rasanten Mitgliederverlusts.
Am 31. Dezember läuft das mehrfach verlängerte Moratorium zu St. Gabriel aus. Ohne Entscheidung tritt wieder der KGR-Beschluss vom Mai 2016 in Kraft, demzufolge die Gemeinde den Standort aufgibt. Volksdorfs Gretchenfrage stellt sich in den nächsten fünf Wochen also noch einmal mit Nachdruck – zum letzten Mal?


fdjs