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Saseler Prioritäten: Menschen vor Bauten - Ausgabe 13.11.2019

Evangelische Kirchengemeinde strukturiert sich um

Sasel – In der evangelischen Kirchengemeinde Sasel vollzieht sich derzeit etwas, das in manchen anderen Gemeinden für teils jahrelange, schwere Turbulenzen sorgt: ein größerer Umbau des häuslichen Gemeindelebens, um eben jene Gemeinde zukunftsfest zu machen.
Von Oliver Spatz
Die Probleme sind im Grunde überall die gleichen: rückläufige Mitgliederzahlen der Volkskirche, hohe Kosten, knapper werdende Mittel durch sinkende Steuereinnahmen, Austritte. Mehrfach berichtete das Heimat-Echo über Diskussionen zu Veränderungsprozessen in Kirchengemeinden, etwa in Volksdorf und den nördlichen Walddörfern. Bisweilen überlagert das Kontroverse das Verbindende und droht eine Gemeinde handlungsunfähig zu machen, wenn sie sich über Jahre überwiegend mit einem Thema beschäftigt und weitere Inhalte aus dem Blick geraten. In Sasel scheint man es nicht so weit kommen lassen zu wollen. Jedenfalls spricht einiges dafür, dass es den Verantwortlichen gelingt, mit Blick auf das große Ganze schmerzliche Einschnitte umzusetzen und dabei die Mehrheit der Gemeinde mitzunehmen.
Auf der Gemeindeversammlung am 3. November sprach Pastor Frank-Ulrich Schoene­berg als Vorsitzender des Kirchengemeinderats (KGR) über die aktuelle Lage und stellte Entscheidungen und Veränderungen vor, die Gemeindehäuser, Pastorate und Kirchen betreffen. Zentrale Botschaft: Ab Anfang 2020 wird die kirchliche Arbeit am Standort Vicelin am Saseler Markt 8 konzentriert. Die evangelische Kindertagesstätte am Standort Lukas (Auf der Heide 15 a) wird ausgebaut.
Auch die Saseler ­Gemeinde, so Schoeneberg, bleibe „von der Säkularisierung und Entkirchlichung der Gesellschaft nicht verschont“. Ein Blick auf die Zahlen: Gehörten 1992 noch 10.020 Saseler der Gemeinde an, waren es 2018 bloß 7.141. Mehr als ein ­Viertel ­weniger – und das, obwohl die Einwohnerzahl im Stadtteil im selben Zeitraum um rund 3.000 stieg. Der KGR muss in naher Zukunft mit sinkenden Zuweisungen aus der Kirchensteuer rechnen – „und soll gleichzeitig einen hohen Gebäudebestand und eine auskömmliche finanzielle Basis schaffen, um die Beschäftigung unserer Mitarbeitenden zu sichern“, meint Pastor Schoeneberg und hebt die haupt- und ehrenamtlich an verschiedenen Stellen Tätigen hervor: „Ohne sie wären wir nicht das, was wir sind.“

Personal oder Gebäude?

Man stehe vor der Entscheidung, „wofür das uns anvertraute Geld investiert wird“: Gebäude oder Personal. Im KGR herrsche die Ansicht, am Personal könne und dürfe nicht gespart werden. Zumal sonst vieles, was die Gemeinde erst lebendig mache und nach innen wie außen Strahlkraft entwickle, nicht mehr zu leisten sei, etwa Kirchen­musik oder Jugendarbeit. Daher sei in verantwortlicher Überlegung an den Gebäuden einzusparen. Sasel verfüge über „zwei Gemeindehäuser und zwei Kindergärten, drei Pastorate und zwei Kirchen … und das alles in einer Gemeinde“, wie Schoeneberg betont.
Im Wesentlichen geht es um drei Maßnahmen:
1. Die Gemeinde übergibt die Trägerschaft für beide bestehenden Kindergärten an den Kirchengemeindeverband der Kindertageseinrichtungen im Ev.-Luth. Kirchenkreis Hamburg-Ost (KGV). Der pachtet das Gemeindehaus Lukas und erweitert dort die Kinderbetreuung, sodass der Standort als Zentrum für die Kita-­Arbeit erhalten bleibt. Gemeindeveranstaltungen, Gruppen und Kreise finden künftig ausschließlich Raum im Gemeindehaus Vicelin.
2. Die ehemaligen „Mitarbeiterhäuser“ am Standort Vicelin werden saniert, als Pastorat und für gemeindliche Zwecke genutzt. Pastorin Susanne Bostelmann zieht dorthin um, das frei werdende Pastorat Auf der Heide 15 wird vermietet. Das Pastorat in der Wölckenstraße bleibt erhalten, solange die dritte Pfarrstelle von Pastorin San­dra Starfinger besetzt ist.
3. Die Lukaskirche – die im Kirchenkreis seit Jahren als C-Standort firmiert, also nicht aus Gemeinschaftsmitteln förderfähig ist – wird an den Kirchenkreis übertragen, der die weitere Nutzung durch eine andere christliche Gemeinschaft prüft, um sie als Gotteshaus zu erhalten. Ab 1. Juni 2020 finden alle Gottesdienste in der Vicelinkirche statt, die auch aufgrund ihrer zen­tralen Lage ein A-Standort ist.

Handeln, solange es geht
Vor 21 Jahren fusionierten die bis dahin eigenständigen Saseler Gemeinden Vicelin und Lukas. Nun also eine weitere Verschlankung. Schmerzlich, gibt Pastor Schoeneberg gegenüber dieser Redaktion unumwunden zu. Wer gibt schon gern Bewährtes auf? Aber die Einschnitte seien notwendig, wenn man die Realität nüchtern betrachte. Dass das in Glaubensfragen oft schwerfalle, verwundere kaum. Weitaus größere Verwerfungen seien allerdings zu befürchten, wenn man sich vor lauter Zukunftssorgen und starrem Festhalten an Bestehendem gar nicht bewege und dabei womöglich die Existenz der Gesamtgemeinde aufs Spiel setze. Wem wäre damit geholfen?
Natürlich wünschen sich auch Schoeneberg und seine beiden Mitpastorinnen, dass sich die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte umkehrt. Aber dafür gibt es nicht den geringsten Anhaltspunkt. Also besser handeln, solange noch Gestaltungsspielraum besteht. Denn, so Schoeneberg: „Profil gewinnen wir nicht im Erhalt unserer Gebäude, sondern im klugen Einsatz unserer Mittel für die Arbeit und den Dienst in unserem Stadtteil. Es geht uns um Menschen.“
Mit den Maßnahmen reduziere man die Ausgaben für den Gebäudeunterhalt und erziele gleichzeitig Einnahmen, betonte der Vorsitzende des Finanzausschusses, Reinhard Günther, in der Gemeindeversammlung. Der Betrieb einer Kirche schlage mit rund 65.000 Euro im Jahr zu Buche. Aktuell erhalte die Saseler Gemeinde etwa 400.000 Euro Kirchensteuer im Jahr, bei Personalkosten von knapp 300.000 Euro. Das Zahlenverhältnis zeige den Handlungsbedarf.
Pröpstin Isa Lübbers vom Kirchenkreis Hamburg-Ost unterstützt das Vorgehen des KGR, zumal wegen der Kopplung an die Mitgliederzahlen im Jahr 2030 nur noch vier, bestenfalls fünf Pfarrstellen – statt aktuell acht – in der Region Sasel, Poppenbüttel und Wellingsbüttel zur Verfügung stünden, deren Inhaber zudem für alle Gottesdienststandorte zuständig seien.

Ambivalenz aushalten
Parallelen etwa zur Volksdorfer Gemeinde sind unübersehbar. Auch dort gibt es eine Kirche mit A-Bewertung (Rockenhof) und eine mit C-Status (St. Gabriel). An der Frage, Letztere aufzugeben, reibt man sich im KGR seit Jahren auf.
„Es mag kaufmännisch ­klingen, aber wir betrachten die Reduzierung des zu verantwortenden Immobilienbestands als notwendig, um künftig personell angemessen ausgestattet und als Gemeinde handlungsfähig zu sein“, meint der Saseler Pastor Frank-Ulrich Schoeneberg. „Natürlich ist die Aufgabe der Lukaskirche für uns die schwerwiegendste Entscheidung. Allerdings haben wir auf der Gemeindeversammlung auch viel Zustimmung erfahren und wohlwollendes Einvernehmen.“
Völlig klar ist für ihn: Trauer über den Verlust eines vertrauten Gemeindezentrums und einer Kirche darf nicht einfach beiseitegeschoben werden, sondern muss Raum erhalten, in dem Menschen offen und ehrlich miteinander umgehen können. Die Pastoren und der KGR sehen sich dafür verantwortlich; die Ambivalenz gelte es miteinander auszuhalten. Mit der Konzentration des Gemeindelebens am Saseler Markt würden aber auch Kräfte frei. Ein solcher Aufbruch biete die Chance, sich als Kirche deutlicher im Stadtteil zu engagieren.


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