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„Taktieren liegt mir nicht sonderlich“ - Ausgabe 18.09.2019

Grünen-Abgeordnete Christiane Blömeke zieht sich aus Bürgerschaft und Politik zurück

Alstertal/Walddörfer – Eine Woche vor der Bürgerschaftswahl im Februar 2020 feiert sie ihren 60. Geburtstag. Das ist, wie sie sagt, nicht der entscheidende Grund, dem parlamentarischen Betrieb den Rücken zu kehren, aber doch ein guter Anlass, einen Schnitt zu machen und andere Themen in den Vordergrund zu stellen.
Oliver Spatz
Bald 30 Jahre lang ist Christiane Blömeke in der unmittelbaren Politik tätig. Im BUND aktiv, trat sie 1991 den Grünen bei und „rutschte“ in den damaligen Ortsausschuss Walddörfer. 1999 zog sie in die Wandsbeker Bezirksversammlung ein, führte bald die Fraktion. Seit 2004 sitzt sie in der Bürgerschaft, ab 2008 als direkt gewählte Abgeordnete für den Wahlkreis Alstertal/Walddörfer. Seit 2015 war sie stellvertretende Vorsitzende der Bürgerschaftsfraktion, be­vor sie das Amt im Frühjahr 2019 abgab, um sich vor allem mehr um ihre pflegebedürf­tige Mutter kümmern zu ­können.
Dass sich Blömeke nun bald vollständig aus der Politik zurückzieht, ist zum einen dem Wunsch geschuldet, wieder mehr Zeit für das Privatleben und ihre Familie samt dem sieben Monate alten Enkel zu haben. Zum anderen plant sie, ihre freiberufliche Arbeit als Kommunikationstrainerin, Moderatorin und insbesondere als Umweltpädagogin wieder zu intensivieren. „Ich möchte mich freier und konsequenter für die Ziele einsetzen, die mir wichtig sind“, so Blömeke. Der menschengemachte Klimawandel ist so ein Thema, bei dem sie gerade Kindern alternative Blickwinkel jenseits der digitalen Welt vermitteln will. Seit Jahren schon führt sie beispielsweise Kindergartengruppen und Schulklassen über einen Bio-Milchwirtschaftshof in Wohldorf – es sind auch solche lebenspraktischen Erfahrungen wie Kühemelken, die sie nachrückenden Genera­tionen ermöglichen will.

Kompromisse tun not

Ist Blömeke des manchmal kleinteiligen politischen Betriebs überdrüssig? So würde sie es nicht formulieren, aber weniger an Fraktionslinien und Koalitionsverträge gebunden zu sein hat durchaus etwas Verlockendes. Dabei ist ihr völlig bewusst, dass es in einer Demokratie nicht ohne Kompromisse geht. Als Paradebeispiel nennt sie die jahrzehntelange Auseinandersetzung um eine Bebauung an der Hoisbütteler Straße. Bis sie 2015 nach ­Winterhude umsiedelte, lebte Blömeke selbst viele Jahre in Ohlstedt. Ihr politisches Leben begann sozu­sagen mit dem Kampf gegen die umstrittene Bebauung.
Das Ringen um den Erhalt ökologischer Flächen sieht die Grünen-Frau als wesentlichen Bestandteil ihrer Wahlkreisarbeit. Gerade in Ohlstedt kochte es regelmäßig hoch, schon lange vor dem Höhepunkt
des Flüchtlingszustroms. „Was Moorburg für Hamburg bedeutet, ist der Bebauungsplan Wohldorf-Ohlstedt 13 für Wandsbek“, meinte sie einmal kämpferisch.

Zwischen den Stühlen
Unter Schwarz-Grün fand sich Blömeke dann in einem Dilemma. Die CDU wollte bauen, die Grünen nicht. Schließlich fragte sie im Frühjahr 2008 ihre Wähler: „Wenn ich die Bebauung nicht verhindern kann, habt ihr dann noch Vertrauen in mich?“ Die Mehrheit bejahte das. Was sagt Blömeke zu noch heute kursierenden Gerüchten, das Publikum im ­Gymnasium Ohlstedt sei damals gezielt ausgewählt worden, um
das Abstimmungsergebnis zu lenken? „Wenn das Resultat ein Nein gewesen wäre, hätte ich mich aus der Politik zurückgezogen, das war für mich klar. Und wenn ich eines müde bin, dann Taktiererei. Die liegt mir nicht so.“ Idealistisch sei sie einst in die Politik gegangen, aber rasch auf dem Boden der Tatsachen gelandet.
Dass sie bei Urnengängen zahlreiche Personenstimmen bekam, empfindet sie als Bestätigung ihrer Arbeit und bedankt sich zum Ende ihrer politischen Laufbahn bei allen Bürgern, die sie gewählt haben. Was WO 13 anbelangt, so konnte sie sich in der entscheidenden Abstimmung enthalten – der Koalitionsvertrag erlaubte kein Votum gegen den Koalitionspartner. Dass das WO-13-Gebiet unbebaut ist, wenn sie demnächst aus dem Landesparlament ­ausscheidet, freut sie: „Daran habe ich auch meinen Anteil.“ Am 26. September sitzt Blömeke noch einmal im Landhaus Ohlstedt mit auf dem Podium, wenn das Forum für Ohlstedt zur Diskussion über die Zukunft der Grünflächen am Wohldorfer Wald einlädt. Im Mai 2019 war der B-Plan gerichtlich kassiert worden.
Politisch schwierige Zeiten hat Christiane Blömeke auch außerhalb Ohlstedts erlebt. Etwa als Chefin einer dreiköpfigen Grünen-Fraktion in der Wandsbeker Bezirksversammlung, während die Schill-Partei dort ein Vielfaches an Mandatsträgern hatte. Oder in den vielen anstrengenden Verhandlungen mit Bürgerinitiativen um Flüchtlings­unterkünfte im Nordosten der Stadt. Vor allem aber die sieben Fälle in Hamburger Familien zu Tode gekommener Kinder von Michelle bis Yagmur haben ihr zugesetzt. Den Posten als Grünen-Fachsprecherin für Familien, Kinder und Jugend gab sie danach auf und ist seitdem für Gesundheit und Sport, Pflege, Senioren, Verbraucher- und Tierschutz zuständig. „Man muss in der Politik ein dickes Fell haben“, sagt sie heute. Und noch etwas: „Es ist gut, wenn sich Bürger an uns wenden. Aber es ist auch schwer, alle Ansprüche zu erfüllen“, spricht sich Blömeke mit Blick auf die Arbeitsbelastung der Abgeordneten gegen das derzeitige Teilzeitparlament aus.

Veränderter Blick
„Man erreicht nur in der Regierung etwas“, bemerkt die 59-Jährige. Ist Opposition also Mist im Müntefering’schen Sinne? Blömeke widerspricht vehement, Opposition sei eine wesentliche Stütze parlamentarischer Kontrolle. Aber gestalten könne man eben nur an den Schalthebeln. Geld gezielt einzusetzen gehört dazu, etwa die 500.000 Euro für den Neuen Kupferhof oder 375.000 Euro für den Brandschutz im Sasel-Haus.
Erfolge sieht sie auch beim Erhalt der Landarbeiterhäuser in Wohldorf oder der dortigen Freiluftschule, deren Schließung 2005 im Raum stand. Obwohl der Hauptteil ihrer Arbeit Landespolitik sei, versteht sie sich als Bindeglied zwischen den Menschen im Wahlkreis und dem Rathaus. Als großen Pluspunkt unmittelbarer Wahlkreisarbeit empfindet sie die breite Themenpalette, mit der man konfrontiert werde.
„Meine Familie würde ich immer an die erste Stelle setzen“, betont Blömeke. Das gilt nicht erst seit dem schweren Schicksalsschlag, den sie 2008 erlitt. Und doch hat der Suizid ihres Mannes einiges verändert im Wertegefüge der dreifachen Mutter, in ihrem Blick auf das Leben und die Menschen. Vergangene Woche erst organisierte sie in der Hauptkirche St. Jacobi wieder den jährlichen Gottesdienst für von Suizid betroffene Angehörige und Freunde mit.
Noch einmal zur Politik. Hat man sie intern gedrängt, Platz zu machen? Nein, versichert sie. Sie habe vieles abgewogen, sich aber letztlich bewusst gegen das Weitermachen entschieden. Bis zur Wahl, das ist ihr wichtig, will sie sich weiter für Hamburg, ihren Wahlkreis und dessen Bürger einsetzen, zumal sie sich in den Walddörfern immer noch zu Hause fühle. „Ich ­wollte immer selbstbestimmt aufhören, dennoch kommt sicher etwas Wehmut auf.“ Nachvollziehbar bei einer Frau, die sich als „Abgeordnete durch und durch“ bezeichnet. Zumindest dem Grünen-Kreisverband Wandsbek bleibt sie erhalten.
Als sicher gilt, dass Maryam Blumenthal grüne Spitzenkandidatin in Alstertal und Walddörfern für die Bürgerschaftswahl wird und damit Christiane Blömeke nachfolgt. Die scheidende Abgeordnete formuliert schon mal als Ziel der Grünen, in Wandsbek stärkste Kraft zu werden – gern auch in ganz Hamburg: „Mehr als 20 Prozent wären klasse.“


fdjs