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Volksdorfer Spuren eines Blutbads - Ausgabe 14.08.2019

Zum Gedenken an das Massaker im toskanischen Sant’Anna di Stazzema vor 75 Jahren

Volksdorf – Vor zwei ­Tagen jährte sich ein grausames Kapitel in der langen Geschichte deutscher Kriegsverbrechen zum 75. Mal. Anlass für einige Gedanken über Verantwortung, juristische wie moralische Konsequenzen und darüber, was das Geschehen von 1944 mit Volksdorf und unserer Gegenwart zu tun hat.

Von Oliver Spatz

Rückblick: Weniger als ein Jahr vor Ende des Zweiten Weltkriegs befanden sich die deutschen Streitkräfte auch in Italien auf dem Rückzug. Am 12. August 1944 überfielen Männer der Waffen-SS das italienische Bergdorf Sant’Anna di Stazzema. Es sollte eine ­Vergeltungsaktion für Überfälle durch Partisanen sein, sich aber wohl auch gegen die Zivil­bevölkerung richten.
Im Ort bemerkte man die nahende Ankunft der Kämpfer. Die meisten arbeitsfähigen Männer ab etwa 17 ­Jahren zogen sich aus Angst, in die Zwangsarbeit verschleppt oder getötet zu werden, in einen entfernten Steinbruch und einen Wald zurück und beruhigten ihre zurück­bleibenden Angehörigen, die Deutschen würden schon wieder abziehen, wenn sie im Dorf bloß Alte, Frauen und Kinder vorfänden, die ihnen nichts brächten.
Ein tragischer Irrtum. Innerhalb weniger Stunden wurden nahezu sämtliche angetroffenen Bewohner grausam ermordet. Nur wenige Kinder überlebten das Massaker. Fatal: In dem Glauben, in den Bergen sicherer zu sein, hatten auch mehrere Hundert Flüchtlinge in Sant’Anna ­Unterschlupf gefunden. Ohne Unterschied fielen auch sie den Deutschen zum Opfer.

Deutsche drehten durch
Die Menschen wurden in ihren Häusern auf teils bestialische Weise umgebracht, in Viehställen mit Handgranaten abgeschlachtet, viele auf dem Kirchplatz zusammengetrieben und erschossen. Weit mehr als 100 Kinder und Jugendliche waren unter den Toten. Das jüngste Opfer war ein 20 Tage altes Mädchen. Die genaue Zahl der Opfer lässt sich nicht rekonstruieren. Sie liegt in einer Größenordnung von knapp 400 bis zu 560 Ermordeten.
Die deutschen Truppen zerstörten schließlich die Orgel der Dorfkirche und benutzten das Gestühl als Brennmaterial für die Toten. Sie übergossen die Leichenberge mit Benzin und zündeten sie an. Auch die Häuser des Dorfes wurden größtenteils in Brand gesetzt.

Volksdorfer Verbindungen

Professor Dr. Michael Göring ist Autor und Vorstandsvorsitzender der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius in Hamburg. Der Volksdorfer kam 2007 mit den Ereignissen vom 12. August 1944 in Berührung, als ihn die Anfrage erreichte, ob die ZEIT-Stiftung das Kulturprogramm in Sant’Anna di Stazzema und den Wiederaufbau der von den Deutschen zerstörten Orgel fördern wolle. Es war der Beginn einer langen Beschäftigung mit der Thematik, die schließlich in Görings Roman „Vor der Wand“ mündete, der historische Fakten und erzählerische Fiktion verwebt.
Einer der damaligen Beteiligten heißt Gerhard Sommer. Der SS-Untersturmführer der 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“ war in Sant’Anna Kompaniechef und mutmaßlich einer der Haupttäter. Eine Woche nach dem Massaker bekam Sommer das Eiserne Kreuz 1. Klasse verliehen. Inzwischen ist er 98 Jahre alt. Er lebt seit Jahren in einem Volksdorfer Seniorenheim.

Die Akte Sommer
Eine zentrale Rolle bei der Frage, weshalb es Jahrzehnte dauerte, bis das Kriegsverbrechen in die Öffentlichkeit rückte, spielt der „Schrank der Schande“: Bis 1994 stand er mit der Tür zur Wand im Keller der Militärstaats­anwaltschaft in Rom. ­Darin Hunderte von Akten mit ­Beweisen, die US-Behörden in Italien zusammengetragen hatten. Aber womöglich wollte man die aufkeimenden Beziehungen mit Deutschland sowie den NATO-Beitritt der Bundesrepublik nicht gefährden und hielt die Akten unter Verschluss.
Das berührt grundsätzliche Fragen, die unbeantwortet bleiben müssen. Es scheint unmöglich, den Wert eines Menschenlebens zu beziffern. Wer wollte das festlegen und dann in Relation setzen zu geopolitischen Erwägungen?
Es dauerte noch einmal zehn Jahre, bis ein italienisches Militärgericht Anklage gegen zehn damals Beteiligte erhob, darunter Gerhard Sommer. 2005 wurden sie in Abwesenheit des „fortgesetzten Mordes mit besonderer Grausamkeit“ schuldig gesprochen, zu lebenslanger Haft und Entschädigungszahlungen ver­urteilt – ohne Auswirkungen, da Deutschland sie nicht an Italien auslieferte.
Und in der Bundesrepublik? 2002 nahm die Staatsanwaltschaft Stuttgart Ermittlungen gegen Gerhard Sommer auf, die 2012 eingestellt wurden. Der Beschluss wurde auf Betreiben einer Hamburger Rechtsanwältin und eines Überlebenden erfolgreich angefochten, nun ­ermittelte die Hamburger Staatsanwaltschaft. 2015 stellte sie das ­Verfahren gegen den mittlerweile 93-Jährigen ein, da er zwar „mit hoher Wahrscheinlichkeit wegen grausamen und aus niedrigen Beweggründen begangenen Mordes in 342 Fällen anzuklagen wäre“, ihm jedoch gutachterlich schwere Demenz attestiert und er somit als dauerhaft verhandlungsunfähig eingestuft wurde. Bis dahin hatte das Simon Wiesenthal Center Sommer jahrelang weit oben auf der jährlich veröffentlichten Liste meistgesuchter NS-Kriegsverbrecher geführt.
„Für mich ist diese Zeit erledigt, ich habe mir keinerlei Vorwürfe zu machen“, sagte Gerhard Sommer vor Jahren gegenüber einem Fernseh­magazin. Juristische Strafe muss der möglicherweise letzte noch lebende Täter nicht mehr fürchten.

Wachsam sein – Vergangenheit rückt nah
Ein weiterer in Italien verurteilter Täter heißt Ludwig Göring – gibt es eine Verbindung zu dem Volksdorfer Autor der Gegenwart? Michael Göring hat bislang nicht nachgeforscht, er spürt ein inneres Zögern. Generell bewegt ihn die Frage, wie man jenseits des Juristischen mit solch einem Verbrechen umgeht. „Heute“, zwei, drei Generationen nach dem 12. August 1944, „haben wir ein positives Verhältnis zur Toskana“, sagt der 63-Jährige. „Dann sollte man aber auch etwas über die dortige Geschichte wissen. Desto eher können und werden wir uns dafür einsetzen, dass so etwas nicht noch einmal passiert. Vorsicht ist bei allem geboten, was nach Nationalismus und Überlegen­heit riecht“, meint Göring auch mit Blick auf die Erfolge der AfD.
Mit seinem Buch „Vor der Wand“ will er das grausame Schicksal der Menschen in Sant’Anna vor dem Vergessen bewahren: „Es ist eine Wunde – die man nicht unbedingt schließen muss, mit der es vielmehr bewusst zu leben gilt, weil das zu ­größerer Verantwortungsbereitschaft aufruft. Ich kann
trotzdem in der Toskana ­unbeschwert Urlaub machen und guten Wein trinken. Es ist ein Hygieneprozess, wenn ein Land und seine Bürger sich stellen und Vergangenes aufarbeiten.“

Sich selbst befragen
Wie wird die Lage wohl zum 100. Gedenktag sein? Göring wird nachdenklich. „Hoffentlich blicken wir dann auf eine noch längere Friedenszeit zurück als heute, damit wir positive Erfahrungen weiter kultivieren.“ Wie man mit dunklen Flecken in der eigenen Familie und individueller Schuld umgeht, ist für Göring wesentlich: „Das gibt einem ein Motiv, sich für etwas ­einzusetzen.“ Und er ergänzt: „Der Zweifel am Menschen bleibt auch in 25 Jahren der gleiche.“
Wie hätte jeder Einzelne von uns in Sant’Anna gehandelt? Mit einem ganz anderen Gesellschaftsbild und mit Gewalt­erfahrungen aufgewachsen, in der konkreten Situation vielleicht erschöpft von langen Märschen, die ständige Angst vor Partisanenattacken aus dem Hinterhalt im Nacken, dazu Männlichkeitsgebaren, gegenseitiges Aufputschen, Anspannung und Aggressionen, die sich ihren Weg suchen, zumal wenn der benachbarte Kamerad ­einem das Gewehr in die Seite stößt, man solle gefälligst mitziehen … Man kann sich vieles ausmalen. Je mehr man darüber nachdenkt, desto beklemmender wird es. Das ist beileibe keine Entschuldigung. Allenfalls ein hilfloser Ergründungsversuch, leben wir doch heute in der Tat unter anderen Umständen, wie es Täter von damals regel­mäßig ins Feld führen. So wie der alte Mann, der bei ­einer Lesung von Michael Göring im Publikum saß, genau zuhörte und den Autor hinterher wissen ließ, er selbst sei als Schütze in Sant’Anna dabei gewesen und habe alles richtig gemacht. Heutige Generationen hätten keine Vorstellung, wie es seinerzeit gewesen sei.
Die Frage ist: Sind wir heute wirklich zivilisierter, haben wir – sofern das überhaupt geht – ernsthaft aus der Geschichte gelernt? Und würde der Mensch der Gegenwart auch in Extremsituationen seine vermeintliche oder tatsächliche Zivilisiertheit bewahren? Oder den Kopf verlieren? Wohl dem, der hier selbstgewiss antworten kann.


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