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Eine Gemeinde in der Endlosschleife? - Ausgabe 19.06.2019

Volksdorfer Debatte um Kirche St. Gabriel mit Widersprüchen

Volksdorf – Regelmäßig berichtete das Heimat-Echo über die Entwicklung der Diskussion um die Volksdorfer Kirche St. Gabriel. Die Auseinandersetzung zieht sich inzwischen rund neun Jahre hin.
Oliver Spatz
Hatte der Kirchengemeinde­rat (KGR) im Mai 2016 – noch in anderer personeller Zu­sammensetzung – den nach wie vor geltenden Beschluss gefasst, St. Gabriel aufzugeben, gab es bald darauf Protest. Prüfungen begannen. Ein Moratorium setzte den Beschluss aus. Es wurde mehrmals verlängert und läuft aktuell bis 31. Dezember 2019. Der derzeitige KGR ist angesichts der Frage, ob die Kirche St. Ga­briel erhalten werden soll, tief gespalten.
Seit dem Bericht zur Gemeindeversammlung Ende 2018 hat die Redaktion einige Leserbriefe aus den Lagern der Befürworter und Gegner eines Erhalts von St. Gabriel erhalten und abgedruckt. Zur hitzigen Diskussion trug bei, dass sich Pröpstin Isa Lübbers und Finanzchef Jürgen Preine vom übergeordneten Kirchenkreis Hamburg-Ost eindeutig dafür aussprachen, sich von St. Gabriel zu trennen, auch um die Zukunft der Gesamtgemeinde nicht zu gefährden.
Die Argumente beider Lager lassen sich grob so zusammenfassen: Die eine Seite will das Kirchengebäude St. Gabriel um fast jeden Preis erhalten, hebt die als einmalig deklarierte Architektur samt kunstvollen Glasfenstern hervor und sieht in der Aufgabe des Gebäudes den Sündenfall, mindestens aber das Versagen der örtlichen Christenschar. Die andere Seite spricht hingegen von Luxusproblemen, plädiert angesichts von zwei jeweils nicht überlaufenen evangelischen Kirchengebäuden im Stadtteil für Sachlichkeit, wirtschaftliche Vernunft und christliches Augenmaß und warnt davor, in einem noch länger andauernden Abnutzungskampf den Bestand der Kirchengemeinde an sich aufs Spiel zu setzen.
Ende März dann druckte diese Zeitung im Rahmen eines Artikels einen der Redaktion vorliegenden Brief ab, mit dem ein bis kurz zuvor amtierender Kassenprüfer des Gemeindehaushalts seinen Posten niedergelegt und seinen Schritt gegenüber dem KGR begründet hatte. Wiederum folgte in Leser-Echos eine kontroverse Diskussion. Der KGR beschloss zudem eine Stellungnahme, die wir hier abdrucken:

Sehr geehrte Damen und Herren,
im Heimat-Echo vom 27. März 2019 drucken Sie ein internes Schreiben eines ehemaligen Kassenprüfers der Ev.-Luth. ­Kirchengemeinde Volksdorf an den Kirchengemeinderat ab. Hierzu möchten wir Stellung nehmen:
1. Der Kirchengemeinderat bedauert, dass die noch anhaltende Prüfung und Diskussion über den Erhalt der Kirche St. Gabriel und die mögliche Weiternutzung des Standorts für eine Kindertagesstätte durch die Veröffentlichung von internen Unterlagen gestört wird. Dies entspricht nicht der Gremien- und Diskussionskultur unserer Kirche.
2. Der Kirchengemeinderat bedauert die Unannehmlichkeiten, die die Veröffentlichung des Schreibens für den Autor selbst verursacht hat.
3. Die Aufgabe von Kassenprüfern in einer Kirchengemeinde ist die Prüfung des Vollzugs des beschlossenen Haushalts bei der Abnahme des Jahresabschlusses. Kassenprüfer prüfen mithin die ordnungsgemäße Buchhaltung und Belegführung. Die Kassenprüfer der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Volksdorf haben, wie auch in den Vorjahren, ohne Beanstandungen die Entlastung für den Jahresabschluss 2017 empfohlen. Aufgabe der Kassenprüfer ist es indes nicht, die Zweckmäßigkeit des aufgestellten Haushaltes zu bewerten.
4. Die Ev.-Luth. Kirchengemeinde Volksdorf hat über 7.000 Mitglieder. Dem Kirchengemeinderat ist jedes Mitglied und jede Meinung wichtig. Dem Kirchengemeinderat ist bewusst, dass es zur Frage des Erhalts der Kirche St. Gabriel unterschiedliche Meinungen gibt und dass teilweise auch eine gewisse Ungeduld im Hinblick auf den noch andauernden Prüfungsprozess besteht. Zugleich ist der ehrenamtlich tätige Kirchengemeinderat verpflichtet, die komplexe Frage der Weiternutzung oder Aufgabe einer Kirche mit der gebotenen Sorgfalt und unter Berücksichtigung der Bedeutung des Kirchengebäudes für die Kirchengemeinde und den Stadtteil gewissenhaft zu Ende zu prüfen.
Der Kirchengemeinderat der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Volksdorf

Vor allem Punkt 2 veranlasste die Heimat-Echo-Redaktion, den ehemaligen Kassenprüfer ausfindig zu machen und direkt zu befragen. Denn ihn in Schwierigkeiten zu bringen war keineswegs die Absicht hinter der Publizierung seines Briefs. Gegenüber ­dieser Zeitung merkt der Angesprochene, Peter Neitzel, zur ­Stellungnahme des KGR Folgendes an:

0. Ich habe die entstandenen Diskussionen nicht als Unannehmlichkeit empfunden.
1. In der Stellungnahme wird mehrfach erwähnt, dass mein Schreiben an den KGR ein internes Schreiben gewesen sei. Auch wenn ich die Mail nicht explizit als „offenen Brief“ markiert habe, was ich in der Nachbetrachtung vielleicht hätte tun sollen, war meine Intention schon, etwas zu bewegen und eine breitere Diskussion ­anzustoßen. Das ist ja nun auch, wenn auch auf anderem Wege als von mir erwartet, geschehen.
2. „Die noch anhaltende Prüfung und Diskussion über den Erhalt der Kirche St. Gabriel“ läuft nun schon seit fast ZEHN Jahren. Da ist wohl vonseiten der Kirchengemeindemitglieder „eine gewisse Ungeduld im Hinblick auf den noch andauernden Prüfungsprozess“ angebracht. Man kann natürlich endlos und dann noch einmal prüfen, wenn jede Prüfung wieder zu dem Ergebnis kommt, dass der
Erhalt von St. Gabriel aus Sicht der Kirchengemeindearbeit weder notwendig noch wirtschaftlich sinnvoll ist.
3. Wenn der KGR der Meinung ist, der Diskussionsprozess werde durch „die selektive Veröffentlichung von internen Unterlagen der Kirchengemeinde gestört“, dann muss man auch darauf hinweisen, dass die Unterstützer von St. Gabriel anscheinend der Meinung
sind, dass nur an die Öffentlichkeit kommen darf, was ihnen in den Kram passt (siehe z. B. der Artikel im Hamburger Abendblatt vor einiger Zeit, der ohne Absprache mit dem KGR veröffentlicht wurde).




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