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Leiter rauf, Leiter runter - Ausgabe 13.03.2019

Philosophie des Alltags

Von Helmut Stubbe da Luz

„Das Leben ist wie eine Hühnerleiter: kurz und beschissen.“ – Hier kann „Hühnerleiter“ ohne Sinnverlust durch „Kinderhemd“ ersetzt werden. Es geht allein um den Ausdruck von Verdruss. Aber in anderen Spruch-Weisheiten stellt die Leiter ein philosophisches Gleichnis dar. Eine Variante des Gleichnisses vom Weg, auf unseren Lebenslauf bezogen – ähnlich wie „Start“ und „Ziel“, „Tor“ und „Tür“, „Berg“ und „Tal“. Die Leiter dient dazu, von Sprosse zu Sprosse nach oben zu gelangen. Das kann vorsichtig geschehen, tastend. Hastig können aber auch Stufen übersprungen werden. Sind die Sprossen stets in ein und demselben Abstand zueinander angeordnet, so dass das Augenmerk sich nach oben richten kann? Wie sieht es mit der Standfestigkeit der Leiter aus? Kann sie unten wegrutschen? Ist sie oben eingeklinkt, wie eine Regalleiter? Ist unsere Aufstiegsvorrichtung aus belastungsfähigem Material, stabil gezimmert oder verschweißt? Haben Neider oder Widersacher Schrauben gelockert, Sprossen angesägt? Und was erwartet uns oben? Stehen da Menschen, die uns emporheben? Oder werden wir dort oben mit Pech und Schwefel abgewehrt? Wir unterscheiden die Technik der Leiter und ihres Erklimmens einerseits, andererseits eine entsprechende Ethik. Da steht beispielsweise jemand vor uns auf der Leiter und versperrt den Weg. Können wir diese Person nicht nur überholen, sondern auch herunterstoßen? Dürfen wir es? Und sollten wir dies wirklich tun, auch wenn wir es können und dürfen? Was ist mit ethischen Werten vereinbar? Je nach Situation sind unterschiedliche Leitertypen anzuraten. Anstellleitern werden an eine Wand angelehnt. Finden wir immer eine Wand, die geeignet ist? Stehleitern stehen „frei“, doch ist dies nur von Vorteil? Bockleitern sind von beiden Seiten her begehbar: Wer kommt uns da möglicherweise entgegen?
Das Leiter-Gleichnis ist philosophisch, weil es zur Verallgemeinerung beiträgt. Mit „Leitern“ können wir Situationen des Auf- oder Abstiegs symbolisieren, veranschaulichen, vergleichbar machen. Wie oft denken wir an Stufen, die nach oben führen und uns herausfordern! Und ebenso oft fragen wir uns, ob der Aufwand sich lohnt. Werden wir uns mit dem Ersteigen der einen Leiter zufriedengeben oder uns gleich darauf nach der nächsten umsehen? Leitern zu erklimmen, macht Spaß, solange wir schwindelfrei bleiben und uns nicht einbilden, dort oben wären wir ganz allein. Und wenn wir oben angelangt sind, sollten wir beim letzten Schritt die Leiter nicht unter uns wegstoßen...
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