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Bekenntnisse einer Waldherrin - Ausgabe 20.02.2019

Im Museumsdorf schlug der Hammer ins Holz

VOLKSDORF – So ganz wollte Egbert Läufer Hamburgs Sozialsenatorin dann doch nicht in S­icherheit wiegen, dass man ihr nicht zur Last fallen werde.

Oliver Spatz


„Wenn wir was wollen, dann kommen wir“, kündigte der Museumswart in Richtung der neuen Waldherrin Dr. Melanie Leonhard mit einem Augenzwinkern an. Zwar geht es dem Museumsdorf Volksdorf finanziell gut, wie der Stiftungsvorsitzende Andreas Meyer zu Beginn des
14. Waldherrenmahls im Wagnerhof feststellte. Doch weiß man nie, ob es so weitergeht. Für monetäre Unterstützung sei man stets aufnahmebereit, gab Meyer den Anwesenden lächelnd zu verstehen.
Alles in allem 210 Ehrenamtliche halten heute den Betrieb im alten Dorf am Laufen. Ohne sie geht es nicht. Grund genug für Egbert Läufer, eine weitere Botschaft an den Ehrengast des Abends zu senden: „Wenn Leute sich für ehrenamtliches Engagement entscheiden, darf man sie nicht Spitzfindigkeiten aussetzen. Man muss sie absichern“, wies er darauf hin, dass man für ein Ehrenamt – anders als bei „freiwilligem Engagement“ – prinzipiell gewählt werden muss und Berufsgenossenschaften zunehmend Steine in den Weg legen.

Highlights für wenig Geld

Dass das Museumsdorf heute mit Fug und Recht ein lebendiges Museum genannt werden kann, ist keinesfalls selbstverständlich. Nach den schaffensorientierten Aufbaujahren seit der Gründung 1962 galt es, Routine zu üben und das Erreichte zu festigen.
„Vom Preis her sind wir ein Discounter“, so Läufer mit Blick auf die Eintrittspreise zu den zahlreichen Veranstaltungen des Museumsdorfs im Laufe eines Jahres. Die Volksdorfer – und nicht nur die – danken es mit ungebrochen hohem Zuspruch. Die Freude über solche Besucherströme ist groß, doch gehört es ebenso zur Wahrheit, dass sich das Dorf im Dorfe inzwischen am Rande der Belastbarkeit bewegt. Insgesamt rund 50.000 Besucher im vergangenen Jahr sprechen für sich. Anlässe gab es auch 2018 wahrlich genug: ob Treckertreffen, Tanz um den Maibaum, Johannishöge – die ab sofort übrigens Dorffest heißt –, historisches Erntefest, verschiedene Gewerketage, der bei Groß wie Klein beliebte süße Advent – oder „einfach so“ der nachmittägliche Besuch auf dem Gelände, wenn viele Kinder den Tieren Hallo sagen.
Andreas Meyer dankte dann auch herzlich für Besuche, Zuwendungen und Mitarbeit, die das tägliche Dorferlebnis erst ermöglichen: „Wichtig sind uns vor allem die Kinder. Sie sollen lernen, dass nicht alles aus der Pappschachtel kommt“, so Meyer, der auch auf das abgelaufene Jahr zurückblickte. Am Harderhof war viel renoviert, zudem die Seilerei eingeweiht worden, und nach dem Zwischenspiel mit Bauer Daniel Hoffmann war schließlich der neue Landwirt Mirko Zimmermann samt Vieh eingezogen. Er wird, so hoffen alle, lange bleiben. Und das nicht nur, weil die Kühe auf der Horstwiese regelmäßig ein echter Hingucker sind.
Aber wie das so ist: Veränderungen könne man oft nicht vorhersehen, bemerkte Elisabeth Thölke „op Platt“ auch mit Blick auf ihre eigene Situation. Nach einigen Monaten als Vorsitzende des Trägervereins De Spieker war sie aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten. Der Posten wird im Frühjahr neu besetzt.

Protektoratserfahren


Neu ist nun auch Senatorin Melanie Leonhard auf ihrem Posten. Nicht als SPD-Landes­chefin, das ist sie seit März 2018 auch noch. Sondern als Waldherrin. Nach amüsanter Irritation, ob der Begriff richtig gewählt sei, bekundete die studierte Historikerin, das sei schon in Ordnung so, weil sich der Begriff Herrin auch von Herrschaft ableite. Abgesehen davon: Wäre die Alternative Waldfrau oder -dame wirklich klangvoller? Dann doch lieber Waldherrin. Als solche hat sie übrigens den weitesten Anreiseweg aller bisherigen Amtsträger. Ihr Wohnort Harburg qualifiziert die 41-Jährige durchaus für ihre neue Position: Wie die Walddörfer war Harburg ein Protektorat der Hansestadt. „Damit kenne ich mich aus“, bemerkte die Senatorin unter dem Gelächter des Publikums. Und: Dem Bezirk Harburg obliegt die Aufsicht über Forsten und Grün – ein weiterer Pluspunkt als Waldherrin. In einem vergnüglichen historischen Exkurs über das Verhältnis der Walddörfer-Bewohner zu den Hamburgern erwähnte die SPD-Frau auch, dass früher längst nicht alle geforderten Abgaben an die große Stadt geleistet worden seien.
Das Museumsdorf indes bezeichnete Leonhard als großartige Einrichtung, da es von vielen Ehrenamtlichen getragen werde und Geschichte hier kein Selbstzweck sei. Wie zur Bestätigung lieferte vor dem Dessert Egbert Läufer launige Kommentare zu einer Bildershow aus dem prallen Leben des Museumsdorfs – die frisch inthronisierte Waldherrin staunte, was hier alles geboten wird. Sein Ziel sei, meinte Läufer zu vorgerückter Stunde in kleiner Gruppe, dass in zehn Jahren an drei Tagen pro Woche das Leben um 1900 dargestellt werden könne. Wer mag daran zweifeln, dass den Spiekerlüüd auch das gelingen wird. 


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