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Zwei Menschen. Zwei Jahre. Ein Traum - Ausgabe 06.02.2019

Preview und Gespräch mit Filmemachern von „REISS AUS“ im Volksdorfer Koralle-Kino

Volksdorf – Ein halbes Jahr Auszeit wollen sich Ulli und Lena nehmen und von Hamburg nach Südafrika fahren. Dort kommen sie nie an. Stattdessen rollen sie in ihrem alten Land Rover Terés und dem knapp 40 Jahre alten Dachzelt, das sie von Ullis Patentante geschenkt bekommen haben, knapp zwei Jahre durch Westafrika.

Es geht für die beiden um Einiges: Darum, sich selbst wieder zu finden, sich wieder zu spüren. Und nicht eher umzudrehen, bis sich an der eigenen Einstellung zum Leben etwas grundlegend verändert hat: „REISS AUS“, ein wirklich ungewöhnlicher Film läuft am zweiten Februarwochenende als Preview in der „Koralle“ und ab Mitte März deutschlandweit regulär im Kinoprogramm – ein Film, der von den wunderbaren ebenso wie von den Schattenseiten des Reisens erzählt, der einen mitnimmt, aufwühlt, froh macht, schockiert und erstaunt.

Der Ballast fährt mit

Veränderung tut not: Lena, Journalistin und Fotografin, freiheitsliebend, energiegeladen und ambitioniert hat sich in ihrem Berufsalltag stets alles abverlangt – bis zu 90 Stunden in der Woche hat sie geschuftet, sich kaum Pausen gegönnt, keinen Stillstand zugelassen. Ulli, vom Naturell her empfindsam und feinfühlig, nachdenklich und eher vorsichtig hat gerade erst einen Burn Out gehabt. Nicht lang fackeln, Jobs kündigen, alles hinter sich lassen, frei sein – der Gedanke beflügelt sie. Aber so einfach ist es nicht, das merken sie schon zu Beginn der großen Reise: „Wir beide haben Ullis Depression komplett unterschätzt“, berichtet Lena. „Wir haben gedacht, wir lassen sie so wie alle anderen Schatten auch daheim in Hamburg. Aber nein, das ist alles mitgefahren, all unser Ballast – wären wir nicht so naiv gewesen wären wir nie zusammen los gefahren“.

Mehr als einmal
um die Welt
Auf 46.000 Kilometern erleben die zwei tagtäglich Abenteuer. Und schon die erste Station ihrer Reise, Marokko, lässt sie erkennen: Wir müssen den Plan ändern, das Tempo drosseln, uns Zeit geben. Denn jeder von ihnen ist auch auf der Reise nach innen, sucht nach dem „Schlüssel“ zum eigenen Selbst, nach dem Gefühl des Lebendigseins. Erst nach drei Monaten, als ihr Visum für Marokko abläuft, reisen sie weiter, bleiben jedoch in Westafrika. Eine bewusste Entscheidung dafür, zwei Jahre wegzubleiben, wird nie getroffen. Wir sind überall so lange geblieben, wie es sich gut anfühlte“, erinnert sich Lena.
Reibungslos zwischen Ulli und Lena läuft es nicht, auch nachdem die Anfangsschwierigkeiten überwunden sind: An sieben Tagen die Woche 24 Stunden miteinander zu verbringen, über lange Zeit und auf engstem Raum – das zehrt. „Wir haben uns gegenseitig so sehr verletzt wie sonst niemand anderer es könnte. Aber wir haben auch so viel gemeinsam durchgestanden und geschafft wie mit sonst niemand anderem. Wir sind zusammen und gleichzeitig auseinander gewachsen“, so beschreibt es Lena. Langsam kommt etwas in Bewegung, ändern sich Einstellungen, ändert sich beider Sicht auf das Leben.

Offen bleiben für alles
was kommt
Zurück in Europa folgen Lena und Ulli den Impulsen, die die Reise gegeben hat: Sie leben langsamer, bewusster, trennen sich von Besitz, werden zu Food Savern. Meditation gehört zu ihrem neuen Alltag, Antworten scheinen ihnen eher im Innen zu finden zu sein als im Außen. Sie wertschätzen scheinbar Alltägliches intensiver und hinterfragen scheinbar Offensichtliches noch stärker als früher. Lena macht ihren Imkerschein, Ulli arbeitet als Hundetrainer. Pläne machen sie kaum noch, leben mehr im Gefühl.
Während der Zeit, in der sie „REISS AUS“ produzieren, wohnen die beiden bei Hoisbütteler Freunden unterm Dach, finden schnell wieder Anschluss und neue Freunde in der alten Heimat und erfahren eine Menge Unterstützung. Sie arbeiten rund um die Uhr am Film, machen alles selbst, aber das stresst sie nicht – der Film ist ein Herzensprojekt. Mit Beginn der Kinotour werden die beiden in Kürze ihr Nomadendasein wieder aufnehmen. „Dann sind wir wieder zuhauselos“, formuliert es Lena. „Aber das ist gar nicht schlimm. Wir haben so viel dazugewonnen und werden weiter dazugewinnen. Wir sind gespannt und freuen uns. Es wird immer alles gut und wir bleiben offen für alles was kommt“.
„REISS AUS“ ist ein Film, der Mut macht, den eigenen Traum anzugehen...

Sonnabend, 16. Februar, 20 Uhr, Koralle-Kino, Kattjahren 1, anschließend: Filmemacher und Protagonisten Lena Wendt und Ulrich Stirnat im Gespräch, ab 14. März läuft der Film deutschlandweit regulär im Kino


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