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„Wohin des Wegs?“ - Ausgabe 06.02.2019

Ein philosophisches Gleichnis

Auch ein langer Weg, so heißt es, beginne mit dem ersten Schritt: Wir stünden vor einem Tor und brauchten nur noch hindurchzutreten auf den Weg, der dahinter beginne. Ein kleiner Berg sei noch zu überwinden … Wir sehen uns aufgefordert, eigene Wege zu gehen, und dabei nicht unbedingt den kürzesten und leichtesten zu wählen, sondern einen „Königsweg“. Spätestens seitdem die Jakobswege eine Massenbewegung ausgelöst haben und seit Marathonlaufen ein Volkssport geworden ist, sind Betrachtungen über Start und Ziel, über die Gewichtung von Streckenabschnitten und über Durchhalten und Aufgeben ganz alltäglich worden. Schnell kann beim Betrachten oder gar Erleben einer Ausdauer erfordernden Lauf-, Schwimm- oder Radstrecke gleichnishaft an einen ganzen Lebenslauf gedacht werden, an Gefahren und Verlockungen am Wegesrand, an Ab- und Umwege.
Wir können Auswege, Seitenwege, Bildungs- und Berufswege beschreiten, Heilswege, Holzwege und Irrwege; wir können dem Hauptweg folgen, bis Kreuz-, Quer- und Scheidewege wichtige Entscheidungen von uns verlangen; ein Mittelweg mag sich anbieten, zwischen Teufels- und Tugendwegen, und manchmal bleibt angesichts eines Steilwegs nur noch der Rückweg.
Das Stichwort „Weg“ finden sich in philosophischen Lexika nicht, aber für Teilaspekte dieses Themas ist das sehr wohl der Fall. „Anfang“ existiert da ab und zu, auch „Fortschritt“, „Prozess“ oder „Ziel“. „Weg“ ist ein philosophisches Gleichnis: Die Vielfalt des Wanderns, Rennens, Sich-Schleppens in unserer persönlichen Lebensgeschichte lässt sich damit vielfältig abbilden. Bestandteile der realen Welt der Fortbewegung lassen sich auf unsere Erdenwege insgesamt übertragen: Wir bewegen uns „auf leichten Füßen“, „auf dem Zahnfleisch“ oder „auf der Überholspur“. Der Mensch (biologisch: „Homo sapiens sapiens“) kann gut auch als „Homo viator“ verstanden werden, als Reisender, als „Auf-dem-Weg-Befind­licher“, als Bewältiger von Streckenabschnitten. Die Marathonstrecke ist abgesteckt, auf welche Weise sie am elegantesten zu bewältigen sei, dazu gibt es ein paar Theorien. Ein Lebensweg ist mehr oder weniger offen, und zwar in ganz vielfältiger Hinsicht. Hier kann Philosophie allerlei Orientierung bieten: Was können wir über bisherige und künftige Wege wissen? Wo sollten wir auf unserem Pilgerpfad, unserer Reise, unserer Reise Rücksicht auf andere nehmen, auch auf uns selbst? Und nicht zuletzt: Wo befinden wir uns jetzt eigentlich gerade?

Fragen, Anregungen und Kritik zur Kolumne sind willkommen per E-Mail an info@denkendenken.com


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