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Philosophie des Alltags

Bestätigen Ausnahmen die Regel? - Ausgabe 09.01.2019

Von Helmut Stubbe da Luz
„Die spinnen, die Gallier!“ Manchmal ist uns danach, ein Klischee zum Ausdruck zu bringen (wobei „Gallier“ jederzeit gegen „Amerikaner“ oder „Russen“, „Männer“ oder „Frauen“ etc. austauschbar sind). Zeitgenossen (m/w), die politisch korrekter sein möchten als wir, können uns die Lust an der Verallgemeinerung verderben: Ihnen sei zumindest ein „vernünftiges“ Exemplar der attackierten Sorte („Raucher“, „Hundehalter“ etc.) persönlich bekannt. Jetzt scheint uns ein letztes Mittel zu bleiben. Trotzig entgegen wir: „Ausnahmen bestätigen die Regel!“ Doch wird dadurch alles nur noch schlimmer. Nicht nur politisch haben wir uns entblößt, sondern auch logisch: Der Satz ist nämlich Unsinn. Die „Regel“ etwa, dass Russen maßlos Wodka tränken, wird durch die Registrierung eines vorsichtigen Exemplars dieser Nation gar nicht berührt. Denn jene Regel besagt nur, dass ziemlich viele Russen ziemlich oft ein reichliches Übermaß an Wodka genössen. Eine Regel festzustellen oder vorzuschreiben, bedeutet, dass eine gewisse Zahl an Ausnahmen von vornherein angenommen wird. Ausgeschlossen werden Ausnahmen allein in einem riskanten „All-Satz“ („Alle Deutschen essen Sauerkraut“). Dabei handelt es sich aber auch nicht um eine Regel, sondern um ein „Gesetz“, einen 100-Prozent-Satz, der durch eine einzige Ausnahme ganz und gar zu Fall gebracht wird. Eine Regelhaftigkeit kann durch Beschreibung ausgedrückt werden („In der Regel tragen Radfahrer einen Helm“). Aber auch in Aufforderungen ist das möglich: „In der Regel sollten Sie sich vor ihrer Operation zwischen 7.30 und 9 Uhr im Krankenhaus einfinden …“ Der Frage: „Unter welchen Umständen denn nicht?“ kann vorgebeugt werden: „... außer wenn ausdrücklich eine andere Uhrzeit vom Arzt vorgegeben ist“. An diesem Beispiel wird deutlich: Eine Regel wird durch die Benennung einer Ausnahme als Regel bestätigt, als eine Theorie mit Ausnahmen – unabhängig von ihrem Inhalt. Und zweitens wird die Regel inhaltlich präzisiert. Die Redensart „Ausnahmen bestätigen die Regel“ geht auf einen Übersetzungsfehler aus dem Latein zurück. Der muss hier nicht nachgezeichnet werden. Aber eine Regel wird deutlich: So gut wie keine Übersetzung ist alternativlos. In der Regel werden wir zwar für die Verwendung der Ausflucht „Ausnahmen bestätigen die Regel“ nicht kritisiert (weil unsere Gesprächspartner in der Regel logisch nicht sattelfest sind). Aber wir sollten es uns selbst zur Regel machen, nur gut überlegte Sätze zu äußern.


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