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Hamburgs aufstrebender nördlichster Stadtteil hat stets vieles in Eigenregie geregelt – Der letzte Artikel von Manfred Schult (†) aus Anlass seines zweiten Todestages

„Duvenstedter mookt veel selbst“ - Ausgabe 05.12.2018

Duvenstedt – Duvenstedt, an der nordöstlichen Landesgrenze Hamburgs zu Schleswig-Holstein gelegen, hat seinen Ursprung in einem kleinen Dorf. Die Menschen lebten von Ackerbau und Viehzucht. Heute zählt Duvenstedt knapp 7.000 Einwohner, ist längst zu einer Kleinstadt gewachsen.

Erst seit dem Groß-Hamburg-Gesetz 1937 gehört Duven­stedt zu Hamburg. Die Duven­stedter haben in der Vergangenheit viele Themen direkt vor Ort gelöst. Beispiele dafür gibt es genug. So existierte der TSV DUWO 08 im benachbarten Wohldorf-Ohlstedt, doch schon der Name verriet, dass es sich bei der Abkürzung DUWO um die Stadtteile Duvenstedt, Wohldorf und Ohlstedt handelte. Es gab Sportler, die einen eigenen Verein für die größten der nordöstlichen Stadtteile Hamburgs forderten. So wurde im August 1969 der Duvenstedter SV gegründet, mit erheb­lichen Startschwierigkeiten. Es gab weder Sportplatz noch Halle, also keine Trainings- oder Wettkampfstätten. Im Laufe der Jahre entstanden dann die entsprechenden Sportanlagen. Mit viel persönlichem und finanziellem Engagement konnten auch recht schnell das eigene Vereinshaus am Puckaffer Weg und der Rasenfußballplatz eingeweiht werden.

„Zettel in Duvenstedter Brötchen“

Als die Stadt 1981 erklärte, sie könne das Freibad am Puckaffer Weg nicht mehr betreiben, gab es eine große Versammlung im damaligen Haus der Jugend am Duvenstedter Markt. Einige Hundert Besucher verfolgten die Diskussion zwischen den Hamburger Wasserwerken und der Duven­stedter Bevölkerung. Einige Duvenstedter wie Heinz Waldschläger machten sich für die Idee stark, das Bad mit einem neuen Verein selbst zu betreiben. Am Ende der Versammlung war klar, es sollte ein neuer Verein gegründet werden. Damit diese Nachricht möglichst schnell die Runde im Stadtteil machte, schlug Herbert Pawlak vor: „Dann packt doch morgen in die Brötchen von Bäcker Schacht kleine Zettel ’rein, da steht dann alles drauf.“

Stars in Duvenstedt

Eine typische Reaktion der „alten“ Duvenstedter. Häufig nahm man sein Schicksal – legal – in die eigenen Hände. Es wurde vieles im Ort direkt geregelt. Bis 2006 gab es einen Polizeiposten in Duvenstedt. Bis dahin wurde durch den „Dorfsheriff“ auch vieles „auf dem kleinen Dienstweg“ erledigt. Nur einmal war er allein überfordert. Als der HSV im Januar 1981 zu einem Gastspiel mit seiner Bundesligamannschaft antrat, kamen über 2.000 Zuschauer aus ganz Hamburg. Wegen erheblicher Schneefälle waren an diesem Wochenende alle Spiele von der Bundesliga bis zur Jugend abgesagt. Der ­damalige Manager der Duvenstedter Kicker, Baldur Schröder, hatte kurzfristig mit seinem Managerkollegen des großen HSV, Günter Netzer, ein Freundschaftsspiel am Puckaffer Weg abgesprochen. Trotz intensiver weiterer Schneefälle konnte das Spiel ausgetragen werden, da viele fleißige Helfer den Platz und das Umfeld rechtzeitig räumten. Für die Chronisten sei ­erwähnt, dass der HSV mit 5:0 gewann.

Bayern in Duvenstedt

Unvergessen ist auch ein einmaliges Kunststück, das Baldur Schröder gelang. Der große FC Bayern München kam zu einem Punktspiel gegen den HSV nach Hamburg. Schröder vereinbarte, dass die gesamte Mannschaft samt Trainerstab und Offiziellen anschließend zu ihm nach Hause kam. Dort gab es reichlich zu essen und zu trinken. Der Poppenbüttler Schlachter Peter Rehders hatte für die prominenten Gäste ein Spanferkel gebraten. Als die Spieler die Küche betraten, um sich die kulinarischen Genüsse abzuholen, gab Peter Rehders Dieter Hoeneß zunächst den Kopf des Spanferkels. Stars wie der damalige Trainer Udo Lattek (†), Lothar Matthäus, Sören Lerby, Dieter Hoeneß, um nur einige zu nennen, gaben sich ein Stelldichein im Hause von Gudrun und Baldur Schröder. Am Rande gab es einen kleinen Smalltalk zwischen Sören Lerby und Dieter Hoeneß. Hoeneß meinte zu Lerby: „Für deine Ab­lösesumme hätte der Verein besser unseren Trainingsplatz mit Flutlicht ausgerüstet.“ ­Lerby senkte eher verschämt den Kopf.
Eigentlich sollte die Presse von diesem Termin nichts ­erfahren, die Heimat-Echo-Redaktion war exklusiv eingeladen. Doch irgendwie sickerte die Nachricht durch, um Punkt 22 Uhr klingelte es an der Tür. Als sie geöffnet wurde, drang gleißendes Scheinwerferlicht in das Haus Schröder, das ZDF war live vor Ort und berichtete im Sportstudio aus Duvenstedt.

Hilfe in direkter Form

In den 80er-Jahren ging es dem damals noch recht jungen Sportverein finanziell sehr schlecht. Vereinshaus und Rasenplatz, auf Vereinskosten gebaut, kosteten viel Geld. Die Verpflichtungen belasteten den ambitionierten Verein erheblich. Kurzfristig musste er rund 25.000 Mark aufbringen, sonst drohte der Konkurs. Der langjährige Vereinsvorsitzende und Betreiber des Clubhauses, Uwe Treichel, berichtete davon am Tresen der Gaststätte. Es gab nur die Alternativen Insolvenz oder Fusion mit dem TSV DUWO 08. Binnen weniger Minuten kam die erforderliche Summe am Tresen zusammen, der ­Verein war zunächst gerettet. Heute steht der Verein gesund da, kann seinen Mitgliedern viele sportliche Möglichkeiten bieten.

Zum Start ein Kinderfest

Hans-Hinrich „Hinni“ Jürjens war auch der Vater des Vereins „Duvenstedt aktiv“, ein Zusammenschluss der Gewerbetreibenden in Duvenstedt. Mit der Expansion des Stadtteils wurde klar, dass die Vereinigung Duvenstedt nicht mehr alle Aufgaben in Duvenstedt übernehmen konnte. So war ein Zusammenschluss der Geschäftsleute wichtig. Seit inzwischen über zehn Jahren richtet der Verein ­„Duvenstedt aktiv“ zahlreiche Großveranstaltungen aus, die den Stadtteil längst weit über seine Grenzen hinaus bekannt gemacht haben. Am Anfang stand ein großes Kinderfest auf der Festwiese neben dem Freibad. Dort gab es zahlreiche Karussells, Hüpfburg und Spielstationen für den Nachwuchs. Das Fest war „mit heißer Nadel gestrickt“, da finanziell riskant organisiert. Aber die Rechnung ging auf – am Veranstaltungstag herrschte schönstes Sommerwetter, Tausende kamen, die Kasse stimmte am Ende.
Inzwischen gibt es intern die regelmäßigen Stammtische einmal im Monat, nach außen Flohmeile, Maibaum-Aufstellen, Oldtimertreffen, Harley-Treffen, Weihnachtsbeleuchtung und mehr.

Integration ist Ehrensache

„Duvenstedter mookt veel selbst“ – ein Slogan, der bis heute gilt. Denn auch die Integration in Duvenstedt gelingt sehr gut. Der Stadtteil wurde in den vergangenen Jahren massiv bebaut. Als das Kinderkrankenhaus geschlossen wurde, entstanden dort gelbe Häuser, im Volksmund „China-Town“ genannt. Dort gab es zunächst Eigentumswohnungen und Wohnungen für Asylbewerber. Deren Eingewöhnung ist längst gut gelöst. Auch die Integration der Neubürger, die in zahlreichen neuen Wohngebieten wie rund um den Trilluper Weg, am Farkenwisch oder am Duvenstedter Berg leben, klappt hervorragend. Dafür sind zahlreiche ehrenamtliche Helfer im Ort verantwortlich, die diese Aufgabe wie selbstverständlich übernehmen.

Hilfe ist auch Ehrensache

Das Ehrenamt besitzt in Duvenstedt einen hohen Stellenwert. Diejenigen, die vor Ort täglich ihre Aufgaben erfüllen, verdienen den Dank der Menschen, die vieles als selbstverständlich hinnehmen. „Duvenstedter mookt veel selbst“ – die zahlreichen Vereine in dem sehr aktiven Stadtteil sind es wert, dass Bürger dort auch Aufgaben übernehmen.

Zum zweiten Mal jährt sich der Todestag des langjährigen Heimat-Echo-Redak­tionsleiters Manfred Schult (10. November 1953 –
6. Dezember 2016)


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