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„Die Welt retten ist zu wenig“ - Ausgabe 12.09.2018

Die Walddörfer und den Planeten zugleich im Herzen: Siegfried Stockhecke zum 70. Geburtstag

Von Oliver Spatz

Volksdorf – Für manche ist er ein Querulant. In jedem Falle ein Querdenker. Am 18. September feiert Siegfried Stockhecke sein 70. Wiegenfest.

Ihn mit einem Etikett zu versehen würde sein vielschichtiges Wirken schmälern. Nachhaltigkeit, Klimaschutz und öffent­licher Raum sind einige seiner Leib-und-Magen-Themen. Wenn er einmal anfängt zu reden, ist er nur schwer zu stoppen. Aber er hat auch viel zu sagen. Unermüdlich ist er im Einsatz für sein Kernanliegen einer besseren Gesellschaft mit weniger Ellenbogen, mehr Wiederverwertung, weniger Kapitalismus und Kommerz. Mancher Vertreter des politischen Betriebs bezeichnet ihn hinter vorgehaltener Hand als Nervensäge. Doch ist es allzu einfach, Stockheckes Anliegen spöttisch abzutun und als weltfremd zu diffamieren. Immer hat es Menschen gegeben, die vorangingen und hierfür von einigen zunächst belächelt wurden. Tatsache ist, dass es vieles in Volksdorf heute ohne ihn nicht gäbe.

Selbst gemacht ist
gut gemacht

Da wäre etwa die „Dokufilmfront“, die schon zehn Jahre Aufklärungsarbeit im Koralle-Kino leistet. Die jährliche Zukunftsmeile im Volksdorfer Ortskern Weiße Rose, die Stockhecke seit 20 Jahren auf die Beine stellt. Und natürlich die schon in Zahlen größte Veranstaltung: der Volksmarkt auf dem Wochenmarktplatz am U-Bahnhof, auf dem seit 1981 viermal im Jahr Gebrauchtes von privat zu privat zu erschwinglichen Preisen feilgeboten wird. Kinderstände sind sogar kostenlos. Der ausgebildete Soziologe Stockhecke versteht sich auch als Stadtteilpä­dagoge und ist überzeugt: Neben Kindergarten und Schule muss es Erlebnisräume geben.
„Selbst gemacht ist gut gemacht“ lautet sein aus Schweden stammendes Credo. So eben auch auf dem Volksmarkt, dem Familienflohmarkt der Walddörfer – obendrein einer der schönsten Europas, wie in einem Flohmarktführer zu lesen ist. Die Leute machen hier ihr Ding, dazu gibt es reduzierte Gastronomie, möglichst bio und fair gehandelt. Regelmäßig verzeichnet der Volksmarkt fünfstellige Besucherzahlen. Wirtschaftlich hat Stockhecke nichts davon. Dafür aber ist es ein Format, das Vertrauen schafft und ihm immer wieder Bestätigung gibt. Rund 30.000 Kinder haben bisher insgesamt teilgenommen und damit bei ihm einen Kurs in Nachhaltigkeit belegt, wie er nicht ohne Stolz erzählt.

Waldgeist statt Kleingeist

Überhaupt nachhaltige Entwicklung: Stockhecke gründete das Lokale Agenda21/2030-Büro Volksdorf/Waldgeist und ist entsprechend im Auftrag der UNO unterwegs, zudem international gut vernetzt. Das viel zitierte Motto „Global denken, lokal handeln“ füllt er mit Leben. Die Initiative zur Aufwertung des Volksdorfer Ortskerns (IAO) geht auf ihn zurück, bei Bürgerbegehren streitet er mit und kämpft auch gegen rechtsextreme Auswüchse. Wie vor zwölf Jahren das Mahnmal zur Widerstandsbewegung Weiße Rose gedankenlos wegen Bauarbeiten von seinem Platz entfernt wurde, lässt ihm nach wie vor die Zornesröte ins Gesicht steigen. Erst durch das Engagement der seinerzeit ins Leben gerufenen Arbeitsgemeinschaft Weiße Rose Volksdorf wurde die Skulptur nach einem Jahr an ihrem heutigen Ort platziert, hoffentlich auf Dauer.
Für sein breites Engagement wurde Siegfried Stockhecke mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2014 mit dem Umwelt- und Sozialpreis des Regionalausschusses Walddörfer. Bei aller Freude sieht Stockhecke es kritisch, wenn zwar Köpfe prämiert, die dahinterstehenden Ideen jedoch weitgehend ignoriert werden. Die meisten heutigen Politiker seien nicht mehr bereit zu lernen, meint er.
In die Ohlendorff‘sche Villa etwa setzt er keinen Fuß mehr, seitdem das Ortsamt hier verschwand, der Bürger zum „Kunden“ wurde und in nunmehr privatem Raum „raffinierter Zucker gereicht wird“, wie Stockhecke es formuliert. Es ist eine Wunde, die klafft. Beim Reizwort „Bürgernähe“ schwillt ihm der Hals. „Als es noch das Ortsamt gab, war dessen Leiter wie ein Bürgermeister für die Walddörfer. Man konnte hingehen, zehn Minuten sprechen, und dann war was angestoßen. Da musste man keinen Vorgang starten, der durch etliche Gremien läuft.“ Und heute? „Es hat für mich keinen Sinn, in den Regionalausschuss zu gehen, dort angegrinst zu werden und wieder zu gehen.“ Niemand habe mehr die unmittelbare Verantwortung, den Blick fürs Ganze, für die Metropolregion Hamburg von der Elbe bis zur Ostsee als ein Raum. Den Bürger rausschmeißen und einen Kunden aus ihm machen, das schmeckt dem Vollblutbürger Stockhecke gar nicht. Und er weiß sich in guter Gesellschaft.

Parteilich ungebunden

Seine Weitsicht entspringt sicher auch den ungezählten Büchern, die der umtriebige Antiquar im Laufe seines Lebens verschlungen hat. Er, „Le Bouquiniste“, ist dem herrschenden Zeitgeist voraus. Dieser wandelt sich zwar allmählich, bloß sind die Beharrungskräfte enorm. Stockheckes Möglichkeiten etwa, Plakate für seine Veranstaltungen aufzuhängen, haben sich in den letzten zehn Jahren halbiert. Der öffentliche Raum schrumpft. Doch trotz oder gerade wegen unterschiedlicher Meinungen muss man im Dialog bleiben. Demokratie – aber nicht miteinander reden? Für Stockhecke undenkbar. In seiner Überzeugung, für die richtige Sache einzustehen, fühlt er sich von der Bevölkerung getragen. „Ich muss nicht gewählt werden“, sagt er, und seine wachen Augen blitzen unter dem weiß-grauen Schopf.
Nun steht der runde Geburtstag vor der Tür. Der verheiratete Vater dreier Kinder ist dankbar für die weitreichende Unterstützung durch seine Frau in all den Jahren. Am Sonntag,
16. September findet nun der bereits 133. (!) Volksmarkt statt. Um 19 Uhr lädt der Jubilar zu einer kleinen und kostenlosen Vorgeburtstagsfeier ins Koralle-Bistro. Ab 20 Uhr folgen einige Worte zum Thema „Die Welt retten ist zu wenig“. Was Stockhecke damit meint? Der Welt eine neue Richtung zu geben, von der Zerstörung hin zu einer zukunftsfähigen Strategie. Im Anschluss gibt es im Koralle-Kino „David Gilmour, the voice and guitar of Pink Floyd – Live at Pompeii 2016“ zu sehen und zu hören (Karten an der Kasse, solange Vorrat reicht). Denn gute Rockmusik, das ist eine weitere von Stockheckes vielen Leidenschaften.


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