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Jugendliche leiden unter der Pandemie

26. Januar 2022

Jugendpsychiatrien arbeiten an der Belastungsgrenze

VOLKSDORF Lockdown, Homeschooling, Kontaktbeschränkungen – gerade Jugendliche trifft das besonders hart. Welche Probleme der Spagat zwischen Lockdown und Freiheitsdrang in der Pubertät bereiten kann, erlebt der Volksdorfer Kinder- und Jugendtherapeut Volker Parello täglich in seiner Praxis.

Von Marius Leweke

Seitdem im Frühjahr 2020 die Krankheit Deutschland erreicht hat, beeinflusst Covid den Alltag von allen. Wie wirkt sich das auf die Psyche von Jugendlichen aus?
Die Coronamaßnahmen und die Wucht der Pandemie üben einen enormen Druck auf die Entwicklung und Lebensgestaltung von Jugendlichen aus. In der Folge haben die Fälle von Depression, Ess- und Angststörungen, selbstverletzendem Verhalten deutlich zugenommen. Mich erreichen sehr viel mehr Anrufe und Nachfragen von Jugendlichen und deren Eltern. Auch der Drogen- und Alkoholkonsum nimmt in der Pandemie deutlich zu.

Was sind die Auslöser?
Eine große Rolle spielt meines Erachtens, dass die Pandemie Jugendlichen viele Möglichkeiten nimmt, sich zu entfalten und zu entdecken und sich auszuprobieren. Die notwendige Leichtigkeit und Unbeschwertheit in der Jugend ist massiv unter Druck geraten. Fehlende körperliche Nähe und der Mangel an Rückzugsräumen neben Familie und Schule trägt zu der psychischen Schieflage bei. Der gesamte Alltag ist von dem dauerhaften Unbehagen und auch einer gewissen Bedrohtheit durchwirkt. Durch Quarantäne, Homeschooling, Homeoffice und andere Maßnahmen ist bei vielen Familien die Tagesstruktur verloren gegangen. So fehlen vor allem den Jugendlichen Möglichkeiten, den zunehmenden psychischen Druck zu kompensieren. Das kann dann psychische Krankheiten auslösen.

Kinder- und Jugendtherapeut Volker Parello. Foto: Marius Leweke

Wie kann man erkennen, dass junge Menschen auf dem Weg in eine ernsthafte psychische Erkrankung sind?
Wenn zum Beispiel die Kommunikation mit den Eltern stark gestört ist oder das Kind, der Jugendliche sich gar nicht mehr mitteilt und sich der oder die Betroffene immer weiter zurückzieht. Oft sind es enge Freunde, die dann eine Veränderung zuerst bemerken, denen sich die Jugendlichen anvertrauen. Viele Kinder und Jugendliche, die vorher unauffällig waren, entwickeln psychische Krisen. Jene mit Vorerkrankung können den Pandemiedruck logischerweise noch weniger kompensieren und werden klinisch krank. Tatsächlich sind die Kinder- und Jugendpsychiatrien in Hamburg massiv an ihrer Belastungsgrenze. In Akutfällen ist für die bis zu 18-Jährigen immer die Notaufnahme der Kinder- und Jugendpsychiatrie zuständig, in unserem Bezirk Wandsbek ist das die KJP des Katholischen Kinderkrankenhauses Wilhelmstift.

Wie sollte man reagieren?
Vor allem den Kontakt nicht abreißen lassen und dann professionelle Hilfe suchen, wenn sich klinische Symptome und starke Sorgen, die den Alltag massiv beeinträchtigen, über Wochen und Monate halten. Wichtig ist auch, als Eltern eine sichere und angstfreie Umgebung zu schaffen. Es geht auch darum, Sorgen ernst zu nehmen, auch als Eltern trotz allem zuversichtlich bleiben und Halt geben. Wenn Eltern kein Gefühl von Sicherheit ausstrahlen, ist das nicht gut für ihre Kinder, es verstärkt ihre Ängste und Symptome. Generell hilft es in der jetzigen, eingeschränkten Situation, den Kindern und Jugendlichen Freiräume zu schaffen. Eltern und vor allem Schulen sollten allgemein nicht zu viel Druck auf die Schüler ausüben, im Einzelfall Entlastung im stetigen Austausch mit den Eltern anbieten. Ich habe hier wirklich gute Erfahrung mit den Schulen in den Walddörfern gemacht. Die Pandemie ist für uns alle sehr zermürbend, wir sehen aber jetzt das Licht am Ende des Tunnels.

Wie ist die Situation bei den Psychotherapeuten?
Die Lage im Bereich Kinder- und Jugendtherapie war schon vor Corona sehr angespannt. Jetzt explodiert sie gewissermaßen. Die Wartezeiten auf Therapieplätze werden immer länger, sechs bis zwölf Monate sind geradezu normal.

Warum fehlen Therapeuten?
Wir brauchen jetzt dringend mehr Zulassungen für Psychotherapeuten in Hamburg, wenn wir die pandemiebedingten seelischen Wunden der jungen Generation einigermaßen auffangen wollen. Es werden sehr viele gute Therapeuten ausgebildet, aber die Zahl der Zulassungen durch die Stadt Hamburg ist stark begrenzt. Leider ist das ein gesamtdeutsches Problem. Hamburg könnte als Beispiel vorangehen.

Last modified: 26. Januar 2022

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