Willkommen in den Walddörfern und im Alstertal

„Gib mir einen Wald und ich bin glücklich“

23. Oktober 2020

Musiker Vince Bahrdt ist im Alstertal zu Hause

POPPENBÜTTEL Auch wer den Namen Vince Bahrdt noch nie gehört hat, kennt ziemlich sicher einen Song, den er komponiert und getextet hat: „She’s Got That Light“. Im Jahr 2000 hatten er und sein Orange Blue-Partner Volkan Baydar damit einen Riesenhit. 400.000 Mal verkaufte sich die Single, erreichte Goldstatus, genau wie das Debüt-Album „In Love With A Dream“. Seit zehn Jahren lebt er wieder im Alstertal – gewissermaßen ein Popstar in „Poptown“. Grund genug für das Heimat-Echo, auf ein Gespräch und einen Pfefferminz-Ingwer-Tee bei ihm zu Hause einzukehren.

Vince Bahrdt ist ein großgewachsener, sympathischer und herzlicher 49-Jähriger, der im Monat schon mal 300 Kilometer läuft. Kein Wunder, stammt er doch aus einer sportlichen Familie: Seine Eltern spielten Handball, sein Vater sogar in der Nationalmannschaft, sein Bruder ist Physik- und Sportlehrer. Aufgewachsen ist er in Bramfeld und in Lemsahl-Mellingstedt. Nach seinem Abi am Gymnasium Farmsen machte er zunächst Zivildienst und zog dann nach Lüneburg, um an der Leuphana-Universität Kommunikationswissenschaften zu studieren. Das passte eigentlich gut, wurde aber kurz vor der Magisterarbeit für die Musikerkarriere an den Nagel gehängt. Bereut hat er das nie. „Das war die völlig richtige Entscheidung“ sagt er im Rückblick. Schließlich konnte er Klavier und Schlagzeug spielen, komponierte eigene Songs und hatte in Volkan Baydar einen kongenialen Partner gefunden.
Kennengelernt hatten sich die beiden über eine Oxmox-Anzeige, weil die Band in der Vince trommelte, einen Sänger suchte. „Wir waren quasi sofort beste Freunde“, beschreibt Vince Bahrdt den ersten Kontakt. Als sich die Gruppe auflöste, machten die zwei alleine weiter, gründeten Orange Blue, erlebten zusammen die Aufs und Abs, die das Musikgeschäft mit sich bringt. Mittlerweile machen sie seit 28 Jahren gemeinsame Sache und seien, so Vince Bahrdt, inzwischen „wie Brüder.“

Vince Bahrdt und Volkan Bydar sind nicht nur ein bekanntes Duo, sondern auch beste Freunde Foto: Alexander Schönberg

Zurück zu den Wurzeln

Zurück in Hamburg wohnte er zunächst urban – erst an der Spaldingstraße, anschließend in Barmbek. Dann zog es ihn dorthin zurück, wo er herkommt. Lange suchte er im gesamten Nordosten der Stadt nach einer geeigneten Bleibe. Schließlich wurde er fündig: In Poppenbüttel, in einer der Rehmbrook-Nebenstraßen, stand endlich das passende Haus zum Verkauf. Ein weiterer wichtiger Grund ins Alstertal zu ziehen, waren seine Eltern, die in Hummelsbüttel leben und sein Bruder, der in Bergstedt ansässig ist. „Wir sind eine geile Familie und sehr eng. Mein Bruder hat drei ganz tolle, gelungene Kinder, die ihren halbverrückten Onkel auch ganz gut finden.“
Im Obergeschoss seines neuen Zuhauses hat er sein Studio eingerichtet. „Obwohl ich hier den ganzen Tag im Grunde allein bin, ist dieser Raum mein Leben. Ich bin hier unfassbar glücklich.“ In dem hellen, hohen Dachzimmer entstand auch das erste Album von Orange Blue seit 13 Jahren: WHITE&WEISS heißt es, enthält 35 Songs, halb Englisch, halb Deutsch. Veröffentlicht wurde es Mitte Februar auf eigene Kosten, auf dem eigenen Label Orange Blue Bros. Records. Das heißt: Vince Bahrdt und Volkan Baydar haben keine große Plattenfirma im Rücken, die alles bezahlt und regelt.

Musik in Coronazeiten

Für diesen Herbst hatten sie eine Tour geplant – abgesagt wegen Corona, genau wie die Promotion. „Das Album verpufft gerade. Aber es ist wenigstens da draußen“, sagt Vince Bahrdt, der froh darüber ist, dass Volkan Baydar und er sich in den vergangenen Jahrzehnten einen Namen machen konnten. „Wir haben Glück im Unglück, weil wir Orange Blue sind und hin und wieder zu zweit Gala-Gigs, vor allem für Firmen, spielen und uns so über Wasser halten können.“ Aber für Künstler, die ausschließlich Musik machen, sei die Pandemie eine Katastrophe. Die Corona-Soforthilfe beispielsweise dürfe nur für die Aufrechterhaltung des Betriebs genutzt werden – nicht für persönliche Lebenshaltungskosten, Krankenkassenbeiträge und private Versicherungen. Doch genau diese Kosten laufen für die Betroffenen weiter, ohne dass sie Einkünfte erzielen können. „Die Hilfen für Schauspieler, Musiker und die ganze Veranstaltungsbranche sind ein Witz. Einige kriegen nicht mal Hartz IV und wissen nicht, wie es weitergeht.“ Zusammen mit Lotto King Karl hatte er einen Termin in der Kultur- und der Wirtschaftsbehörde, um genau darüber zu sprechen. Das Treffen wurde seitens der Behörde am gleichen Tag abgesagt. Er gehe aber „schwer davon aus, dass uns ein Ersatztermin angeboten wird.“

Vince Bahrdt hat das Heimat-Echo in seinem Studio zu Hause empfangen Foto: A. Krenz

Zu tun hat er selbst, Chef der eigenen Produktionsfirma Murdersound, mehr als genug, sein Computer ist voll mit Projekten. Dennoch hat er sich selbst – nach einem gesundheitlichen Warnschuss 2014 – ein Kürzertreten verordnet. Auf der Terrasse oder beim Spazierengehen mit seiner Frau Hiltja. „Ich bin ein Naturtyp. Gib mir einen Wald, und ich bin glücklich.“ Gefragt nach Freizeittipps überlegt Vince Bahrdt nicht lange: „Das klingt zwar nicht so sexy, aber wer noch nicht auf dem Hummelsbütteler Müllberg war – der Ausblick ist Hammer!“ Und ein Restaurant in Bergstedt hat er wieder entdeckt: „Gerade den Besitzer gewechselt und neu eröffnet hat der Quellenhof!

Ausgezeichnete Studio-Ecke – Preise, Goldene Schallplatte und eine Widmung von Udo Lindenberg, der sich vier Songs von Bahrdt schreiben ließ Foto: A. Krenz

Von Anja Krenz

Last modified: 23. Oktober 2020

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