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Gemütlichkeit in den Walddörfern

„Schenk ein, mach Striche“ sorgte in den 80er-Jahren für verschmitztes Schmunzeln. Ein Artikel von Manfred Schult, post mortem

Walddörfer – Heute vor einem Jahr, am 6. Dezember 2016, verstarb Manfred Schult im Alter von 63 Jahren. Über Jahrzehnte prägte er das ­Heimat-Echo als Redaktionsleiter auf unverkennbare Weise. Wir nehmen seinen ersten Todestag zum Anlass, posthum einen bisher unveröffentlichten Artikel abzudrucken, der seiner Feder entstammt und nicht ungelesen in der Schublade verstauben soll.

Die Walddörfer waren früher ländliche Gemeinden und Dörfer mit bewegter Geschichte. Im vergangenen Jahrhundert ging es teilweise noch deftig, aber auch urgemütlich zu. Tagsüber gingen die Menschen ihrer Arbeit nach, abends traf man sich häufig in den Gasthäusern der jeweiligen Dörfer.
Die Kulturbehörde Hamburg schrieb Anfang der 80er-Jahre ein Projekt für Stadtteilschreiber hamburgweit aus. Daraufhin meldete sich Hannes Flesner, der ein Buch über die Hamburgischen Walddörfer verfassen wollte. Er erhielt den Zuschlag und schrieb ein kleines Handbuch mit dem Titel „Schenk ein, mach Striche“. In diesem können die Leser bis heute erfahren, was das Leben in den Walddörfern vor 30 oder 40 Jahren ausmachte.

Tatkräftiges Anpacken

Zu jener Zeit stand in den Walddörfern das Handwerk neben der Landwirtschaft hoch im Kurs. Viele Menschen arbeiteten in Ackerbau und Viehzucht, Tischlerei, Klempnerei oder anderen Gewerken. Nach getaner Arbeit gingen die Männer öfters in die Gasthöfe in Duvenstedt, Bergstedt, Lemsahl-Mellingstedt, Wohldorf-Ohlstedt oder auch Volksdorf. Dort traf man sich „auf ein Bier und einen Schnaps“, erzählte vom Arbeitstag und von Neuigkeiten.
Es kam auch häufiger vor, dass die Gäste kein Geld oder nicht genug Geld dabei hatten, aber gern noch eine Tresenrunde ausgeben wollten. Daher kommt der Titel des kleines Buchs: „Schenk ein, mach Striche“. Der Wirt gab den Gästen einen Vorschuss, die Rechnung wurde in den kommenden Tagen beglichen. Man kannte sich eben, das Vertrauen war entsprechend groß, und die Wirte nahmen dabei keinen finanziellen Schaden.
In den Walddörfern herrschte trotz zunehmender geschäftlicher Aktivität noch eine gewisse Gemütlichkeit. Volksdorf als größtes Walddorf war der Gemütlichkeit in einigen Bereichen entwachsen, zählte zu jener Zeit schon rund 17.000 Einwohner. Dort gab es bereits ein gewachsenes Zentrum mit Einzelhandel. In den übrigen Gemeinden gab es zwar auch Geschäfte, aber nicht in der Vielzahl.

„Gemütliche“ Walddörfer


Ob in Duvenstedt oder Bergstedt, es gab die dörfliche ­Gemeinschaft noch. Nachbarschaftsfeste, gemeinschaft­liche Treffen und Nachbarschaftshilfe besaßen einen großen Wert. Man fühlte sich als Teil einer Gemeinschaft, die nur zusammen funktionieren konnte. Ein gelungenes Beispiel ist der 18. Januar 1981, als der Winter ganz Hamburg lahmlegte. Seit Tagen schneite es, die Schneedecke war schon rund einen halben Meter hoch. Zumindest dort, wo nicht geräumt wurde, also auf Wiesen und Feldern. Der Hamburger Fußballverband sagte schon in Laufe der Woche alle Fußballspiele für ganz Hamburg ab, da die Plätze unbespielbar waren.
Der damalige Ligamanager der Duvenstedter SV, Baldur Schröder, verfügte über beste Kontakte. Kurzfristig telefonierte er mit dem damaligen Manager des großen Hamburger SV, Günter Netzer. Sie vereinbarten ein Testspiel zwischen dem Bundesligisten und dem Bezirksligisten für das Wochenende.

Bespielbarkeit garantiert

Baldur Schröder versprach, dass der Platz am Puckaffer Weg bis auf eine geringe, feste Schneedecke bespielbar sein würde, Netzer sagte zu, dass der HSV mit allen Stars zu diesem Spiel antreten würde. In der Nacht vor Spielbeginn schneite es noch einmal kräftig. Das war der Moment, in dem viele Duvenstedter mit Tat- und Maschinenkraft zum Einsatz kamen. In einer echten „Nachtaktion“ mit Schein­werferbeleuchtung wurde der Platz bis in die frühen Morgenstunden des 18. Januar geräumt. An diesem Einsatz war fast das ganze Dorf beteiligt, damit das große Spiel statt­finden konnte.
Für die Statistik sei erwähnt, das der HSV an diesem Tag mit 5:0 die Oberhand behielt. Das Ereignis steht beispielhaft für viele Anekdoten, die es vor rund vier Jahrzehnten in den Walddörfern gab.

Veränderte
Lebensgewohnheiten

Das Leben in den Walddörfern hat sich deutlich verändert. Dafür gibt es mehrere Gründe. Mit der zunehmenden Bebauung und der damit wachsenden Bevölkerung sind die Walddörfer unpersönlicher geworden. Die Aufnahme der neuen Nachbarn hat zwar in den meisten Fällen gut funk­tioniert, doch je mehr Menschen in die Walddörfer zogen, desto unübersichtlicher wurde es. So konnte man nicht mehr jeden Nachbarn kennen, es wurden einfach zu viele. Parallel dazu steht das ­„Kneipensterben“, das nicht nur die Walddörfer, sondern ganz Hamburg betrifft. Noch gibt es einige typische Kneipen, auch in den Walddörfern. Und dort findet man auch noch die Geselligkeit, die es vor vielen Jahren allerorten gab.

Manfred Schult (†)


fdjs