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In Meiendorf schließt Hamburgs letzte „prekäre Unterkunft“

Einrichtung am Hellmesbergerweg wird aber als Reserve bereitgehalten

Meiendorf – Die „Flüchtlingskrise“ der Jahre 2015 und 2016 kann nun für Hamburg endgültig als beendet angesehen werden. So kann diese Meldung über die Schließung der letzten als „prekäre Unterkunft“ bezeichneten Auffangstation für Geflüchtete am Hellmesbergerweg umschrieben werden.

Eine gute Nachricht. Bedeutet sie doch: Alle Menschen ­haben inzwischen anderswo bessere Unterkünfte gefunden. Auch für den bisherigen Betreiber der „Flüchtlingseinrichtung“ gab es eine gute Nachricht: Sechs Mitarbeiter können nach Rissen wechseln, die dortige Folgeunterkunft am Suurheid wird von der Arbeiterwohlfahrt übernommen. Provisorisch waren über ganz Hamburg verteilt Menschen in Lagerhallen oder in Baumärkten untergebracht. Hilfsorganisationen übernahmen die Arbeit vor Ort. „Zimmer“ wurden oftmals mit Stellwänden geschaffen.
Anfang September 2016 gab es in der Hansestadt noch zehn solcher Behausungen. Der neu geschaffene Zentrale Koordinierungsstab Flüchtlinge, kurz ZKF, hatte versprochen, alle Einrichtungen dieser Art bis Ende des Jahres zu schließen. Orhan Akkaya, Leiter der AWO-Einrichtung und liebevoll „Bürgermeister“ von den in Rahlstedt lebenden Geflüchteten genannt, geht mit einem lachenden und einem weinenden Auge: „Vieles bleibt hier bestehen, sollte es eine erneute Flüchtlingswelle geben. Die Strukturen und Aufteilungen haben sich bewährt.“

Vorerst Leerstand

Matratzen und manch andere Einrichtungsteile werden entsorgt: „Das ist zum Teil Sondermüll.“ Der ZKF unterhält inzwischen zwei Lagerhallen in Bergedorf und Osdorf. Hier werden Erstausstattungen für den Fall der Fälle gelagert, damit die Stadt nicht wieder so überrascht wird. „Einige der Container, die hier auf dem Gelände stehen, gehen zum Vermieter zurück“, erklärt Akkaya. Anselm Sprandel, Leiter des ZKF, auch als Flüchtlingskoordinator bezeichnet, ist zufrieden mit der Entwicklung: „Ich hatte erwartet, dass die Menschen hier deutlich länger wohnen müssen. Als wir den Baumarkt umgebaut haben, war die Situation eine ganz andere und nicht absehbar, dass die Balkanroute geschlossen wird.“
Derzeit nimmt Hamburg etwa 300 Asylbewerber pro Monat auf, die eine Unterbringung benötigen. „Sollten es wieder an die Eintausend werden, müssten wir auch den Hellmesbergerweg wieder öffnen“, erklärt Sprandel. Dies ist aber derzeit nicht abzusehen. Die Räume, in denen bis zu 600 Geflüchtete Unterkunft fanden, stehen leer. Ein Wachdienst läuft Patrouille. Die von Kinderhand bemalten Wände bekommen keine weitere Farbe mehr, die Betten stehen ohne Matratzen, ohne Bettzeug metallisch kalt in der großen alten Halle des Baumarkts Praktiker. Im ehema­ligen Gartencenter – zum Speiseraum umfunktioniert – klappert kein Geschirr. Ein wahrhaft „verlassener Ort“ ist entstanden.

Undenkbare Lebensumstände

Einrichtungsleiter Orhan Akkaya kennt es ganz anders und glaubt, dass die gute Arbeit der AWO mit ein Grund ist, warum nun die Folgeunterkunft in Rissen zur Eröffnung übernommen werden kann: „Wir konnten sogar knapp 100 Schüler in die Stadtteilschulen integrieren. Sechs Lehrer hatten die Kinder hier etwa Jahr lang betreut. Einige konnten bereits nach drei bis vier Monaten auf die Regelschulen.“ Auch die Klassenräume stehen leer – die Tafeln sind geputzt, die Stühle wie nach der letzten Stunde hochgestellt. Seit der Eröffnung am
9. Februar 2016 fanden gut 1.000 Menschen hier eine ­erste Unterkunft nach der Flucht aus ihrer Heimat. Flucht vor Krieg, Ausbeutung oder Drangsalierung. Viele Menschen haben Lebensumstände gehabt, die sich die meisten Deutschen gar nicht vorstellen können: Krieg kennen wir zumeist nur noch aus den Medien, nicht aus eigener Erfahrung. Umso mehr dankt Akkaya seinen Mitarbeitern: „Sie haben Unglaubliches geleistet und Werte vermittelt. Sie haben Menschen in allen nur erdenklichen Lebensbereichen und Situationen unterstützt.“ Die Stadt wird die Halle am Hellmesbergerweg nun als Reserve vorhalten. Auch wenn alle hoffen, dass sie nie wieder benötigt wird. (büh)


fdjs