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Großes Aufgebot und viel Sachlichkeit in Volksdorf

Informationsabend zur geplanten Folgeunterkunft an der Eulenkrugstraße verlief ruhiger als erwartet

Volksdorf – Die rund 200 Plätze in der Sporthalle der Schule Eulenkrugstraße waren nahezu restlos besetzt. Wer aber nach den Debatten der letzten Wochen als Folge des NDR-Berichts zum
in Rede stehenden Flurstück 270 eine einmal mehr heiße Diskussion erwartet hatte, wusste es hinterher besser. Im Gesamtbild verlief die zweistündige Veranstaltung zwischen Publikum und Podium vergleichsweise wenig kontrovers.

Der Leiter des Hamburger ­Zentralen Koordinierungsstabs Flüchtlinge (ZKF) Anselm Sprandel war nach Volksdorf gekommen und zeigte prominent Flagge, ebenso wie Wandsbeks Bezirksamtsleiter Thomas Ritzenhoff (SPD), der die Notwendigkeit betonte, Gleichmäßigkeit unter den Stadtteilen herzustellen, und Volksdorf eine hohe Integra­tionskraft attestierte. Sprandel berichtete, auch wenn die Zahlen gegenüber 2015/16 deutlich abgenommen hätten, kämen noch immer monatlich über 400 Personen nach Hamburg, die untergebracht werden müssten, dazu komme ­Familiennachzug. Noch lebten über 6.000 Menschen in ­Erstaufnahmen, davon knapp 4.300 sogenannte Überresidente, die schon in Folgeunterkünften wohnen müssten.

Details zur Unterkunft

Imke Sager vom ZKF führte aus, angestrebt sei eine Laufzeit von 15 Jahren. Baubeginn soll im dritten Quartal 2017 sein, Inbetriebnahme Mitte 2018. In zehn doppelstöckigen Modulhäusern soll es 260 Plätze geben, vier wohnungsähnliche Einheiten pro Haus, aufgeteilt auf jeweils 13 Zimmer. Dazu kommen ein Modulhaus für Büro, Verwaltung und Gemeinschaftszwecke sowie ein Waschhaus, Spielplätze und ein Ballplatz.
30 Prozent der künftigen Bewohner seien Kinder, davon 25 bis 40 im Kindergarten­alter. Da die Kapazitätsgrenzen umliegender Kitas überschritten seien, werde eine temporäre Kita auf dem Unterkunftsgelände geplant, die nicht offen für alle sei und so lange bestehen solle, bis ­genug andere, reguläre Kita-Plätze geschaffen sind oder die Kita auf dem Ferck’schen Hof ausgebaut ist.
Laut Anka Brams vom städtischen Betreiber fördern & wohnen (f & w) sind nach üblichem Personalschlüssel vier Mitarbeiter für Unterkunfts- und Sozialmanagement vorgesehen und zwei für den technischen Dienst. Vor Einzug der ersten Bewohner soll die Unterkunft einmal für die Allgemeinheit geöffnet werden, damit sich jeder ein Bild der Anlage machen kann.

Fragerunde

Aus dem Publikum wurde zunächst auf die hohen Kosten abgehoben. ZKF-Mann Sprandel bezeichnete sie als wirtschaftlich, die Miete sei nur ein kleiner Teil der Gesamtbetrachtung und zusammen mit den Baukosten vor allem bei der langen Laufzeit in Ordnung. Die Gesamtinves­tition über den veranschlagten Zeitraum von 15 Jahren beträgt nach Sprandels Angaben 10,23 Millionen Euro.
Einen Sicherheitsdienst wird es nicht geben, da Menschen in Folgeunterkünften ihr weitgehend normales Leben leben. Der anwesende Leiter des Poppenbütteler Polizeikommissariats 35 Niels Stahnke ergänzte mit Blick auf positive Erfahrungen in ähnlichen Unterkünften, unter dort lebenden Menschen gebe es weder quantitativ noch qualitativ mehr Pro­bleme als in der heimischen Bevölkerung.
Zu Wort meldete sich auch die SPD-Fraktionsvorsitzende im Bezirk, Anja Quast: Volksdorf müsse seinen Beitrag auch daher leisten, weil etwas anderes in Rahlstedt und Jenfeld nicht verstanden werde. Volksdorf habe begrenzte Flächen. „Wir als Politik wollen hier bauen.“ Dem Hinweis auf die mittels Bürgerbeteiligung identifizierte Fläche Am Eichenrehmen begegnete sie, diese sei zu klein und schon daher unpassend, zumal der Wanderweg erst kürzlich hergerichtet worden sei.
Laut Sprandel beträgt die durchschnittliche Verweildauer in Folgeunterkünften drei Jahre. Klares Ziel sei, die Menschen so schnell wie möglich dort raus- und rein ins normale Leben zu bringen, samt regulärer Wohnung, Kita und Arbeit. Brams ergänzte, wenn der Bebauungsplan Volksdorf 46 umgesetzt sei, könne die Durch­mischung anders werden, in den ersten drei Jahren würden aber de­finitiv nur Flüchtlinge dort wohnen.

Gelenkte Meinungsbildung?

Für Widerspruch, aber auch für Applaus sorgte eine Jenfelder SPD-Abgeordnete. In ihrem Stadtteil seien 1.700 Flüchtlinge untergebracht, die Haltung „260 verkraften wir in Volksdorf nicht“ sei daher ziemlich arrogant. Wobei allerdings niemand der Anwesenden eine solche Aussage getätigt hatte. Ihr Auftritt oder auch die Wortmeldung eines syrischen Flüchtlings am Ende des Abends, der – in der Sache sicher zu Recht – dafür warb, miteinander zu reden und zu leben mache vieles einfacher, warfen bei manchem Zuhörer zumindest die Frage auf, ob die Stimmen aus dem Publikum in irgendeiner Form seitens Politik oder Verwaltung gelenkt wurden.
Auf die Frage nach der Beschulung der einziehenden Kinder und Jugendlichen antwortete Heiko Müller von der Schulbehörde, nach einjäh­rigem Besuch einer interna­tionalen Vorbereitungsklasse würden sie ins Regelsystem eingeschult. Hier sei es kein Problem, etwa 40 Schüler in verschiedenen Jahrgangsstufen unterzubringen.
Kritisiert wurde aus dem Auditorium, es sei ein merkwürdiger Widerspruch, wenn viel Geld für die Unterkunft ausgegeben und die Volksdorfer In­frastruktur gelobt, das ört­liche Kundenzentrum aber wohl bald geschlossen werde. Die gezogene Verbindung sorgte sichtlich für genervte Reaktionen und Lacher aufseiten von Politik und Verwaltung.
Hanne Schrader, seit 30 Jahren in der Unterkunft am Waldweg aktiv, appellierte noch an die Anwesenden, vor allem die Kinder bräuchten einfach Hilfe, und Engagement tue auch den Helfern gut.

Kritik bleibt

Flüchtlingskoordinator Sprandel bezog sich am Ende einer ganz überwiegend sachlichen Veranstaltung nochmals auf die viel kritisierten Umstände rund um das Zustandekommen des Mietvertrags und zeigte sich sicher, dass nichts Dubioses passieren werde.
Hingegen vermutet die Liberale Fraktionsgemeinschaft in der Bezirksversammlung, dass die vertraglich vereinbarte Spende des Vermieters in Höhe von jährlich 10.000 Euro an eine nicht näher benannte Stiftung seiner Wahl, „deren Zweckbestimmung u. a. die Integration von Flüchtlingen und die Förderung von Maßnahmen zur Landschaftspflege ist“, in der Miete bereits einkalkuliert ­worden sei und sie somit aus Steuermitteln über fördern & wohnen bezahlt werde. Dass unklar bleibe, wer der begünstigte Dritte ist, lade zu Missbrauch ein.
Der Landesvorsitzende der Piratenpartei Hamburg Dr. Martin Schütz hat indes Strafanzeige gegen unbekannt wegen Wuchers und Untreue zum Nachteil der Stadt Hamburg erstattet. Aus dem Dunkel der Anonymität nutze der Immobilienbesitzer die Zwangslage der Stadt kaltblütig aus und komme so an einen „äußerst lukrativen Mietvertrag, den der Steuerzahler letztlich zu berappen hat“, so Schütz. SPD-Bürgerschaftsfraktionschef Dr. Andreas Dressel habe an diesem Missverhältnis von Grundstückwert und Mietzins „mutmaßlich mitgewirkt und eben nicht den berechtigten finanziellen Interessen seiner Heimatstadt Hamburg Geltung verschafft“. 
Die am Abend gehaltene Präsentation ist auch online: unter gnm.li/eulenkrug (unten „Direkt ansteuern“ an­klicken). (os)


fdjs